Anschuldigungen rund um das Atomkraftwerk Saporischschja

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Seit Beginn der groß angelegten Invasion Russlands in der Ukraine im Februar letzten Jahres ist das Atomkraftwerk Saporischschja, das größte in Europa, ein heiß diskutiertes Thema. Kein Wunder. Russland schreckt bekanntlich nicht vor Sabotage und Umsturzversuchen zurück, daher ist es nicht allzu weit hergeholt anzunehmen, dass das Land das Kraftwerk angreifen könnte, was eine humanitäre Katastrophe zur Folge hätte. Die Zerstörung des Kachowka-Staudamms hat diese Ängste keineswegs kleiner werden lassen. Gleiches gilt für Anzeichen, dass Russland seine Präsenz in Saporischschja verringert. Darüber hinaus behaupteten ukrainische Geheimdienste letzte Woche öffentlich, Russland plane einen Terroranschlag gegen das Kraftwerk, um eine kritische Strahlenbelastung freizusetzen und der Ukraine die Schuld daran zu geben.

Wie es beim Kreml leider nur allzu häufig der Fall ist, werden die Ereignisse von Informationsmanipulation begleitet. Am 27. Juni gab die russische Botschaft in Ägypten zwei Bekanntmachungen heraus, in denen behauptet wird, die Ukraine plane einen Anschlag auf das Atomkraftwerk Saporischschja – eine auf Arabisch, die andere auf Russisch. Am selben Tag wurde ein Artikel auf Arabisch mit derselben Behauptung und unter Berufung auf die Botschaft auf der offiziellen Website von RT Arabic sowie auf einer ihrer Mirror-Sites veröffentlicht. In nur wenigen Stunden wurde der Artikel auf mindestens zehn Nachrichten-Websites und mehreren Blogs wiederveröffentlicht, teilweise ohne Nennung der Quelle.

Hier endet die Geschichte jedoch nicht. Angeblich sind auch britische Spezialkräfte beteiligt. Zumindest wollen uns dies Sputnik Armenia und Moskovskij Komsomolets, zwei bekannte, vom Kreml gesteuerte Desinformationskanäle, glauben machen. Natürlich gibt es keinerlei Beweise, dass die Ukraine einen Anschlag beim Atomkraftwerk vorbereitet, ganz zu schweigen von einer Beteiligung ausländischer Geheimdienste. Behauptungen über „Täuschungsmanöver“ und „Fallen“, um die Spannungen zu erhöhen oder von den illegalen Handlungen Russlands abzulenken, sind übliche kremlfreundliche Desinformationsmethoden.

Passend zum allgemeinen Thema nuklearer Panikmache kursierte letzte Woche in Polen, einem Nachbarland der Ukraine, im Internet das Bild eines angeblichen Flugblatts mit Sicherheitshinweisen für den Fall einer Atomkatastrophe. Darauf wurde unter anderem behauptet, westliche Regierungen bereiteten die Zivilbevölkerung auf eine atomare Katastrophe vor. Der erste Beitrag auf Telegram verzeichnete etwa 50 000 Aufrufe, aber er wurde rasch von anderen Telegram-Kanälen auf Russisch und Polnisch weiterverbreitet.

Das Flugblatt ist eindeutig eine Fälschung. Erstens finden sich auf offiziellen Websites der polnischen Behörden keinerlei Informationen, die die Behauptungen bestätigen, und zweitens ist das Flugblatt zwar auf Polnisch verfasst und trägt das Siegel des polnischen Gesundheitsministeriums, aber es ist schlecht geschrieben und strotzt nur so vor Fehlern.

Alte Geschichten neu aufgewärmt

Monatelang haben kremlnahe Desinformationskanäle die haltlose Behauptung verbreitet, die Ukraine exportiere menschliche Organe. Dies wurde von mehreren unabhängigen Faktenprüfern widerlegt. Trotzdem wurde Ende Mai eine angebliche Dokumentation von RT mit dem Titel „Panzer für Nieren“ auf dem RT Documentary Channel veröffentlicht und zudem auf Rumble und Odysee hochgeladen, zwei kaum moderierten Videoplattformen, die unter Desinformationsverbreitern und Verschwörungsgläubigen beliebt sind. In den darauffolgenden Tagen wurde das Video von einer Reihe von Konten auf verschiedene Plattformen hochgeladen, darunter VK und myvideo.cc.

Nach einigen Wochen relativer Ruhe wiederholte Marija Sacharowa, die Sprecherin des russischen Außenministeriums, die wegen ihrer Rolle bei der Unterstützung des russischen Krieges gegen die Ukraine von der EU mit Sanktionen belegt wurde, das hinterhältige Narrativ bei einer Pressekonferenz. So sorgte sie dafür, dass das diplomatische Korps Russlands die „Dokumentation“ von RT auf der ganzen Welt weiterverbreitet. Zunächst griff die russische Botschaft in Neuseeland das Video auf und postete es am 21. Juni auf ihrem offiziellen Telegram-Kanal. In den nächsten Tagen schlossen sich die russischen Botschaften in Österreich, Kenia, Indonesien, Brunei, Albanien, Schweden und den Philippinen den koordinierten Bemühungen an, das internationale Publikum zu täuschen, und verbreiteten die „Dokumentation“ auf verschiedenen Plattformen.

Der Kreml verfolgte wieder einmal die altbekannte Taktik der Informationsflut mit dem Ziel, das Ansehen der Ukraine im Ausland herabzusetzen. Auch dieses Beispiel zeigt, wie wichtig es ist, Inhalts- und Verhaltensanalyse zu kombinieren. Wenn wir uns auf beides konzentrieren, können wir Verbindungen wie die oben beschriebenen und damit die Bemühungen Russlands aufdecken, Informationen zu manipulieren.

Weitere Behauptungen auf dem Desinformationsradar von EUvsDisinfo:

  • Sputnik versucht, uns weiszumachen, dass die Ukraine seit Beginn von Russlands „militärischer Spezialoperation“ 680 Flugzeuge und fast 10 000 Panzer verloren hat. Die ukrainischen Luftstreitkräfte hatten im Februar 2022 allerdings nur etwas mehr als 200 Flugzeuge und Hubschrauber. Die Ukraine erhielt zwar weitere Flieger von ihren Partnern, aber die Zahlen können dennoch nicht stimmen. Die Behauptung über die im Kampf verlorenen ukrainischen Panzer ist sogar noch absurder. Laut unabhängigen Beobachtern verfügte die Ukraine 2022 über knapp 1 000 einsatzbereite Panzer und hatte etwa 1 100 weitere auf Lager. Wenn Russland nicht sämtliche Panzer der Ukraine fünfmal zerstört hat, reichen die Zahlen nicht im Entferntesten an das heran, was physisch möglich ist.
  • Rubaltic, eine auf das Baltikum konzentrierte Zweigstelle des kremleigenen Desinformationsapparats, spielte wieder einmal die N-Karte aus und behauptete, der Westen knüpfe ein Nazi-Bündnis gegen die slawischen Völker in Russland und Belarus. Hierbei handelt es sich um ein wiederkehrendes kremlfreundliches Desinformationsnarrativ über Nazis in der EU, das bereits mehrfach entlarvt wurde. Das Märchen von einem Nazi-Europa wird von Putin und kremlnahen Kanälen seit dem Angriff Russlands auf die Ukraine und der illegalen Annexion der Krim im Jahr 2014 häufig erzählt.
  • Eine Reihe kremlfreundlicher Kanäle hat wieder einmal die Republik Moldau ins Visier genommen und behauptet, der Westen zöge das Land in den Konflikt in der Ukraine hinein. Dies ist ein weiteres uraltes Desinformationsnarrativ, mit dem zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen werden sollen: Der Westen wird als kriegslüstern und russlandfeindlich dargestellt und die Republik Moldau als Marionettenstaat des Westens, wodurch ihr jede Handlungsmacht abgesprochen wird.

RECHTLICHER HINWEIS

Bei den Fällen in der EUvsDisinfo-Datenbank geht es um Aussagen im internationalen Informationsraum, die als parteiische, verzerrte oder falsche Darstellung der Realität und als Verbreitung von kremlfreundlichen Kernbotschaften identifiziert wurden. Daraus folgt nicht zwangsläufig, dass die betroffenen Medien Verbindungen zum Kreml haben oder den Kreml redaktionell unterstützen oder dass sie absichtlich Desinformation verbreiten wollten. Die Veröffentlichungen von EUvsDisinfo stellen keine offizielle Position der EU dar, da die präsentierten Informationen und vertretenen Meinungen auf Medienberichten sowie Analysen der East StratCom Task Force basieren.

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