„Propaganda muss die Sprache der Werte entgegengesetzt werden“
Andrey Arkhangelsky ist ein russischer Journalist, Kolumnist, Schriftsteller und Kulturredakteur der wöchentlichen Illustrierten Ogonjok.
Er ist auch einer der aktivsten Kommentatoren zu Desinformation und Propaganda in Russland. Seine Arbeit wird von Carnegie, Colta, Delovoy Peterburg, Kommersant und Republic veröffentlicht. Er tritt regelmäßig im Radio Echo of Moscow und Radio Liberty auf sowie im TV Rain und Current Time TV.
In diesem exklusiven Interview spricht Andrey Arkhangelsky über seine Analyse des Wesens der kremlfreundlichen Desinformation, der spezifischen Sprache der Propaganda und die Gründe für ihre Eskalation in Russland seit 2014. Er äußert sich auch zu seinen Ideen, wie man Propaganda entgegenwirken kann.
Propaganda als psychologische Stütze
- Zunächst eine Frage zu Begriffsbestimmungen. Was bevorzugen Sie: Propaganda, Falschmeldungen, Desinformation? Oder etwas anders?
- Ich verwende meist Propaganda. Falschmeldungen und Desinformation sind Mittel; Propaganda ist ein weitgefassteres, psycholinguistisches Phänomen.
Das überrascht zwar, aber Propaganda zielt vorerst nicht auf andere, sondern uns selbst ab – zu unserer eigenen Bestätigung. Sie dient als psychologische Stütze für Menschen, die nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion ihren Lebenssinn verloren haben.
Das Leben in einer globalisierten Welt ist schwierig: Jede Minute muss man eine unabhängige Entscheidung fällen – was man tun sollte, was richtig ist, was falsch ist. Ständig sucht man nach Antworten auf komplexe Fragen. Die Menschen im post-sowjetischen Russland haben es als Bevölkerung nie geschafft, diese Hürde zu bewältigen. Sie wünschten sich eine einfachere Welt, in der „wir“ die Guten und Treuen sind und alle anderen Lügner oder gar böse.
Propaganda bietet einem traumatisierten imperialen Bewusstsein Erlösung. Sie stärkt die Zuversicht in die eigene Rechtschaffenheit. Falschmeldungen und Desinformation sind notwendig, um das zu bestätigen.
Die Weltanschauung der Menschen vereinfachen
- Kann die sogenannte „kremlfreundliche Desinformation“ in einer allgemeinen Eigenschaft zusammengefasst werden?
- Seit 2014 ist die Propaganda situationsabhängig. Das ist eine Reaktion auf den Euromaidan. Doch seit etwa 2016 hat sie sich auf die ganze Welt ausgeweitet und nahm die Form einer Weltanschauung an.
Die heutige Propaganda ist ein Projekt gegen die Moderne. Mithilfe von Propaganda versucht der Kreml, eine führende Kraft im Konservatismus der Welt zu werden. Doch er formuliert seine eigenen Werte nicht aus. Das ist praktisch – die Propaganda wird durch keinen Rahmen eingeschränkt. Sie beruht hauptsächlich auf Lügen durch Auslassung und Andeutungen.
Eines ihrer interessantesten Konzepte ist zum Beispiel der Begriff „Geopolitik“. Was bedeutet das? Die Propaganda setzt voraus, dass die Geographie das menschliche Verhalten und die Weltanschauung bestimmt. Wenn man also in Deutschland oder Norwegen geboren wurde, dann handelt man mit 99 % Wahrscheinlichkeit „typisch deutsch“ oder „wie die Norweger“ …

Andrey Arkhangelsky. Foto: Anna Danilova
In den Propaganda-Talkshows über andere Staaten oder Länder sprechen sie über Menschen, als wären sie Schachfiguren: Die Läufer bewegt sich diagonal. Der Springer wie ein L. „Amerikaner behandeln Europa immer so und so.“ „Europa war schon immer gegen Russland.“ Alle Staaten und Völker haben demnach eine Art angeborene Motivation, die sich nie ändert.
Das Praktische daran ist, dass es die Welt vereinfacht und es so darstellt, dass nichts von einer einzelnen Person abhängt. Es ist unser Schicksal, eine Geisel der Geschichte zu sein. Das ist sehr archaisch, aber es funktioniert – weil es die Weltanschauung der Menschen vereinfacht.
Problematisch daran ist nur, dass die Welt heute ganz anders aussieht: Es ist egal, wo man geboren wurde – die Persönlichkeit, Ansichten, Bildung, darauf kommt es an.
„Die fortschrittlichste Gesellschaft der Welt“
- Denken Sie, dass die Situation der Desinformation in Russland einzigartig ist, oder kann sie mit der Situation in anderen Ländern verglichen werden?
- Jedes ehemalige Imperium empfindet den Phantomschmerz anders, aber es ist dennoch Phantomschmerz. Denken Sie mal an Frankreich oder England, als sie ihre Kolonien verloren. Wir sprechen hier vom postimperialen Syndrom, und in dem Sinne ist Russland nicht das einzige betroffene Land. Doch in Russland vermischt sich der übliche imperiale Komplex mit sowjetischem Messianismus.
Tatsächlich muss man das Phänomen des sowjetischen Individuums in neuem Licht betrachten, um Propaganda zu verstehen. Ich meine nicht die offiziellen Postulate, an die in den 1970er Jahren keiner in der Sowjetunion mehr glaubte. Sondern die Verhaltensgewohnheiten. Gewalt bildete die Grundlage der sowjetischen Ideologie und wurde so ein Teil der Weltanschauung und auch der Kommunikationsmechanismen gewöhnlicher Menschen.
Wie der Soziologe Lew Gudkow schreibt, glaubte die sowjetische Bevölkerung auch, dass sie die fortschrittlichste Gesellschaft der Welt wären. Die Sowjetunion ist Geschichte, doch die Gewohnheit, sich selbst als Überbringer der höchsten Wahrheit zu betrachten, ist geblieben. Daher stammt diese Zuversicht in die eigene Rechtschaffenheit – mit der die Propaganda arbeitet.
Sie verstehen die Macht der Demokratie nicht
- Welche konkreten Fälle von Desinformation oder Propaganda stechen als besonders anschaulich oder wichtig für das Verständnis der Rolle, die sie in der modernen russischen Gesellschaft spielt, hervor?
A. In letzter Zeit bin ich daran interessiert, wie die Propaganda Krisen und Proteste in Europa darstellt. Die Flüchtlingskrise von 2016, die Proteste in Katalonien und Frankreich – die Propaganda singt buchstäblich ein Lied darüber. Lebhafte Berichte behaupten, dass das westliche System zerbrechlich und nicht resilient ist. „Europa von Flüchtlingen angegriffen!“ „Flüchtlingslager in den Straßen!“ „Nichts wird von der europäischen Identität zurückbleiben!“ – die Propaganda lässt es aussehen wie das Ende der Welt. „Zehntausende ‚Gelbwesten‘ auf den Straßen Frankreichs!“

Im russischen Fernsehen geht es nicht um Russland: Lesen Sie über die Sonntagssendung auf einem der führenden Fernsehsender Russlands, NTV.
Nach Ansicht der Propaganda ist das etwas Schreckliches. Doch Krisen und Proteste sind normal für eine Demokratie. Dieses Missverständnis ist typisch für die Psychologie des Kremls. Sie verstehen nicht, dass die Macht der Demokratie im Vertrauen in die Menschen liegt.
Der Ökonom Friedrich Hayek schrieb, dass die Effizienz der Privatwirtschaft im Vergleich zur Planwirtschaft daher stammt, dass sie Tausende Entscheidungen unabhängig fällen kann, ohne Eingreifen des Staates. Das gilt auch für die Gesellschaft: Vertraut man in die Gesellschaft, wird sie selbst eine Lösung zu Krisen finden. Parlamente, politische Parteien, Wahlen – all das überträgt die Proteste und Krisen in Europa und Amerika in einen rechtlichen Rahmen.
Die anti-westliche Propaganda führt Menschen nicht nur in die Irre – sie nimmt ihnen ihre Angemessenheit und Modernität. Sie wirft sie in der Zeit zurück. Somit schädigt sie allen voran die eigene Gesellschaft.
Verschwommene Grenzen zwischen Gut und Böse
- Welchem Zweck oder welchen Zwecken dient die Desinformation Ihrer Meinung nach?
- Das übergeordnete Ziel ist es, jegliche vorhandenen Werte in der Welt zu zerstören, insbesondere die liberalen. Ihre Aufgabe besteht darin, die Idee zu verbreiten, dass es keine Werte gibt, nur groben Instinkt und Gewohnheit. Dass Menschen sich nicht zum Besseren ändern können. Dass es keinen Unterschied zwischen Demokratie und Autoritarismus gibt, dass „jeder gleich schlecht handelt“. Letztendlich sollen die Grenzen zwischen Gut und Böse verwischt werden (in Russland wird die Postmoderne häufig so ausgelegt, was natürlich fehlerhaft ist). Wenn niemand an irgendetwas glaubt, ist es offensichtlich einfacher, taktische politische Aufgaben zu lösen.
Doch gleichzeitig dient die Propaganda auch der Befriedigung des eigenen Egoismus. Hunderte Propagandisten haben sich an ihre Rolle gewöhnt und erzeugen einen endlosen Monolog, in dem wir die Klügsten sind und alle anderen Idioten. Die Propaganda scheint sich also ausgeweitet zu haben und jeder Teilnehmende steuert seine oder ihre eigenen Komplexe, Phobien, Ängste und Vorurteile bei. Die Propaganda heute sieht aus wie „Kunst um der Kunst Willen“.
Aber ich möchte anmerken, dass ihre Ziele nicht nur praktisch, sondern auch therapeutisch sind. Die Propaganda eröffnet die Möglichkeit, etwas zu äußern, das vor Kurzem noch als unangebracht galt – zum Beispiel, sich über die Staatsoberhäupter oder Regierungen anderer Länder lustig zu machen. Diese „Freiheit von der Kultur“, wie Freud es nannte, verschafft den Menschen Freude.
Zusammenbruch mit Popcorn
- In einigen Ihrer Artikel haben sie das russische Wort „krakh“ (Zusammenbruch, Kollaps) als besonders wichtig für die Desinformation hervorgehoben. Können Sie erklären, warum Sie sich auf genau dieses Wort beziehen?
- Das Wort „krakh“ kommt von „Krach“ und wird häufig von Propagandisten wiederholt, wenn sie über Krisen in der westlichen Welt berichten. Der Begriff rührt aus dem sowjetischen Marxismus her, der „den unausweichlichen Kollaps des Kapitalismus“ vorhersagte. Doch jetzt wurde dieses Konzept des „Kollaps“ durch eine religiöse Eschatologie über „das Ende der Zeit“ ergänzt.
Das Praktische an dieser Idee ist, dass der Mensch selbst nichts tun muss: Alles ist bereits durch die Geschichte entschieden. Der „Kollaps des Kapitalismus“ wird letztendlich aufgrund „historischer Gesetze“ kommen. Die Propaganda überträgt diese Idee jetzt auf die globalisierte Welt.
Im Kern besagt das neue Konzept, dass die globalisierte Welt dem Test des Liberalismus und der Moderne nicht standhalten konnte. Sie stellten sich als zu große Belastung für die Menschheit heraus – und deshalb ist ein konservativer Wandel unabdingbar.
Dieser „Kollaps“ wird auch als Bestrafung des Westens für den Zusammenbruch der Sowjetunion verstanden. Jetzt ist eine der häufigsten Analogien, dass „die Europäische Union und die USA das Schicksal der UdSSR erwartet“. Diese Idee ist gänzlich unbegründet, aber es ist erneut der moralische Ausgleich für das traumatisierte post-sowjetische Bewusstsein.
Und auch dieses Konzept des „drohenden Kollaps des Westens“ erfordert keinerlei Anstrengung auf Seiten der Leserschaft. Man muss nur zum Popcorn greifen und im Fernsehen beobachten, wie „der Westen auf den Untergang zusteuert“.
Propaganda Werte und Fakten entgegensetzen
- Was könnte Ihrer Meinung nach bedrohlich für Fehlinformation sein? Haben Sie ein bestimmtes Beispiel einer erfolgreichen „Neutralisierung“? Welche Methoden und Ansätze wurden dabei eingesetzt?
- Wissen Sie, Propaganda ist mehr als Worte und Mechanismus. Sie ist eine Art Ideologie, Gesinnung. Durch sie fühlt sich die Leserschaft siegreich, als Teil der ewigen Wahrheit. Versuchen Sie, eine Gesinnung zu neutralisieren: „Sie lügen“ oder „Jeder lügt gleichermaßen“ – das sind die allgemeingültigen Antworten der Propaganda auf jegliche Anschuldigungen. Ich beschäftige mich seit fünf Jahren mit der Sprache der Propaganda und muss offen zugeben, dass ich mir kein Argument vorstellen kann, dass diese Gesinnung ändern könnte.
Tatsache ist doch, dass wir durch die Widerlegung von Falschmeldungen auf die ein oder andere Art auf rationale Argumente zurückgreifen. Das sind die Fakten, behaupten wir. Aber Propaganda fußt auf irrationalen Gründen. Man führt eine weitere Untersuchung durch oder entlarvt etwas – und die Menschen werden wissen, dass das wohl stimmen wird. Und gleichzeitig sind sie sich sicher, dass im höchsten Sinne „die Wahrheit auf ihrer Seite ist“. Und eine kleine Lüge im Sinne der höheren Wahrheit ist doch nicht so schlimm.

„Wir können Stalin kritisieren, dürfen aber nicht über ihn lachen”: Andrey Arkhangelsky erklärt in einem Kommentar auf Englisch in der Moscow Times die Reaktion des Kremls auf die Komödie „The Death of Stalin“. Bild: Free Range Films.
In einem globalen Sinne kann der Propaganda – und das ist merkwürdig – die neue Sprache der Demokratie entgegengesetzt werden. Die Propaganda behauptet, dass der Liberalismus ein Mangel an Werten ist. Das muss widerlegt werden. Die Demokratie muss in die Sprache der Werte, die Sprache der allgemeingültigen Moral übersetzt werden. Wir müssen Freiheit wieder Bedeutung verleihen – und nicht nur als Begriff in einem Wirtschaftslehrbuch.
In gewisser Weise müssen wir wieder erklären, wo heute die Grenze zwischen Gut und Böse liegt. Propaganda muss also auf der Ebene der Werte bekämpft werden, und nicht nur mit Fakten.
Lügen entlarven
- Abgesehen von Ihren eigenen Erfolgen, wessen Arbeit würden Sie bei der Bekämpfung von Desinformation als bedeutend hervorheben?
- Ich betrachte die Propaganda vor allem als linguistisches und kulturelles Phänomen. Das ist wichtig, denke ich. Doch ich bewundere Menschen, die ganz bestimmte Falschmeldungen, Lügen und Desinformation entlarven. Da wäre Roman Dobrochotow mit seinen Untersuchungen und Pavel Kanygin und Sergej Parchomenko beim Echo of Moscow, das Team von TV Rain und viele mehr.
Die Debatte in Russland
- Ist es gefährlich, im modernen Russland Desinformation zu kritisieren? Oder sind freie Diskussionen zu diesem Thema möglich?
- Bisher können diese Diskussionen bei kleinen Veranstaltungen frei geführt werden – in Einzelpublikationen, auf Konferenzen, in Menschenrechtsorganisationen. Die Menschen haben vor Kurzem begonnen, Witze über die Propaganda zu reißen und über sie zu singen. Das deutet an, dass sie sich bereits um das Phänomen der Propaganda selbst Sorgen machen. Doch es gibt keine Garantie, dass diese lokale Meinungsfreiheit weiterhin bestehen wird.
Weitere Artikel in unserer Reihe mit Interviews mit russischen Journalistinnen und Journalisten:

„Das Publikum von den wahren Problemen ablenken“: Jede Woche entlarvt Maria Borzunova in ihrem Programm „Fake News“ auf dem unabhängigen Fernsehsender TV Rain kremlfreundliche Desinformation.

„Der Begriff ‚Informationskrieg‘ wird vom Kreml verwendet, um Desinformation zu rechtfertigen“: Roman Dobrochotow gewann 2019 den Europäischen Pressepreis in der Kategorie Investigative Reporting für seine Enthüllungen im Fall Skripal.

„Die Propaganda gräbt einen kulturellen Graben zwischen Russland und Europa“: Pavel Kanygin berichtete als Investigativjournalist bei der Nowaja Gaseta zum Fall MH17.