Qualitativ hochwertige Medien lesen – für eine gesündere Welt

Desinformation aus journalistischer Sicht. Teil 4: Ukraine

Vertrauenswürdiger Journalismus ist das Herzstück einer demokratischen Gesellschaft. Zur Feier des Welttags der Pressefreiheit hat EUvsDisinfo eine Artikelreihe veröffentlicht, um dem unabhängigen Journalismus in Ländern der Östlichen Partnerschaft eine Stimme zu verleihen. Teil 4. Ukraine.

EUvsDisinfo sprach mit zwei Journalistinnen und drei Journalisten aus der Ukraine, die ihre Leidenschaft für Qualitätsjournalismus in Verbindung mit solider Recherche und einer Verpflichtung gegenüber dem Publikum teilen. Roman Kolyada ist Journalist und Moderater für das öffentlich-rechtliche Radio in der Ukraine. Alyona Romanyuk arbeitet als Chefredakteurin bei „Po Toy Bik Novyn“ und coronafakes.com. Dimitro Tusow ist Moderator bei Radio NV. Oleksiy Matsuka ist Chefredakteur beim Fernsehsender DOM und Myroslawa Bartschuk ist Moderatorin der Talkshow „Zvorotniy Vidlik“ (Countdown) auf UA: Pershiy TV, dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen der Ukraine.

Infolge der Maidan-Proteste von 2013 und der bewaffneten Konflikte seit 2014 ist die Anfechtung von Desinformation – durch Einzelpersonen oder größere Netzwerke – ihr täglich Brot geworden. Wir berichten über ihre persönlichen Erfahrungen im Kampf gegen Desinformation in der vielfältigen Medienlandschaft der Ukraine, die von wichtigen und oft emotional aufgeladenen Debatten gekennzeichnet ist.

Warum ist Ihnen Journalismus so wichtig?

Dimitro Tusow:

Die Aufgabe des Journalismus ist nicht nur, die Menschen ehrlich zu informieren, sondern auch gegen Lügen in all ihren Formen anzugehen – Unwahrheiten, Desinformation und Manipulation buchstäblich zu „torpedieren“.

Alyona Romanyuk:

Die Öffentlichkeit mit Informationen über die wichtigen Dinge versorgen – das ist Journalismus. Das Unverständliche zu erklären. Dem Aufmerksamkeit zu schenken, was unter den Tisch gekehrt wird. Das Versteckte offenzulegen.

Roman Kolyada:

Die Gesellschaft hat ein Recht auf ausgewogene, unparteiische und objektive Informationen. Manchmal ist Journalismus eine Lupe, manchmal ein Spiegel, doch er muss immer sauber und klar sein.

Miroslawa Bartschuk:

Der Journalismus ist eine Plattform für konstruktiven gesellschaftlichen Dialog, bei dem die Medien die Rolle des Kommunikators und Vermittlers einnehmen. Mir hat immer die Metapher der Vierten Gewalt sehr zugesagt – im Sinne einer separaten, unabhängigen gesellschaftlichen Institution, die bedeutenden indirekten Einfluss hat. Eine Institution mit einer zentralen Funktion im System der Prüfungen und Ausgleiche.

Miroslawa Bartschuk, Moderatorin der Talkshow „Zvorotniy Vidlik“ (Countdown) auf UA: Pershiy TV, dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen der Ukraine.

Stoßen Sie oft auf Desinformation?

Oleksiy Matsuka:

Ich bin oft selbst das Ziel von Desinformation. In unserer Situation, mit einem Konflikt innerhalb der Ukraine – Teile unserer Gebiete sind besetzt und als ukrainischer Journalist wird man von vornherein als parteiisch gegenüber dem einen oder anderen Publikum angesehen. Es liegt an uns, Vertrauen in unser Produkt innerhalb unseres Publikums aufzubauen.

Roman Kolyada:

Desinformation betrifft das Leben aller. Im Informationsstrom stößt man ständig auf Desinformation, selbst wenn man versucht, sie herauszufiltern. Man muss immer achtsam bleiben, denn die Anzahl der Falschmeldungen in den Medien ist immens. Man muss stets seinen „Nerv der kritischen Wahrnehmung“ trainieren.

Alyona Romanyuk:

Ich arbeite im Bereich der Faktenprüfung und begegne Desinformation dabei ständig. Es gibt zahlreiche Verzerrungen und Manipulationen im ukrainischen Medienumfeld. Man könnte es so ausdrücken:

„Wir kämpften einst für das Recht, die Wahrheit zu sagen. Heute kämpfen wir dafür, dass die Wahrheit im Ozean der Desinformation gehört wird.“

Wie reagieren Sie auf Desinformation?

Alyona Romanyuk:

Ich habe mehrere Jahre in der Öffentlichkeitsarbeit und Krisenkommunikation im Bereich der Sozialpolitik gearbeitet. Irgendwann überstieg die Anzahl der falschen Geschichten meine persönliche Grenze. Also entschied ich mich, ein bürgernahes Projekt aufzubauen, um die Funktionsweise von Desinformation in einfachen Worten zu erklären. Ich wollte ein Team aufstellen, an das sich jeder wenden kann, um eine Botschaft zu prüfen. Dadurch kam das Projekt „Po Toy Bik Novyn“ bzw. „Hinter den Nachrichten“ zustande.

Alyona Romanyuk, Chefredakteurin bei „Po Toy Bik Novyn“ und coronafakes.com.

Dimitro Tusow:

Zunächst einmal berichte ich auf Radio NV darüber. Diese Berichte erreichen nicht nur die Ukraine. Radio NV hat eine ansehnliche aktive Zuhörerschaft in Russland und Belarus. Das wissen wir durch Rückmeldungen, die wir über alle möglichen Kanäle, auch soziale Medien, von unseren Zuhörerinnen und Zuhörern erhalten.

Roman Kolyada:

Manchmal könnte ich schreien und wütend werden, wenn ich eine Desinformation vorher schon in sozialen Netzwerken gesehen habe. Doch dann schalte ich den „internen Filter“ ein und denke darüber nach, wie man am besten reagiert, wenn eine Person einfach im Rausch der Emotionen unabsichtlich etwas hochgeladen hat. Manchmal denke ich darüber nach, eine möglichst höfliche private Nachricht zu senden. Denn man tritt dann in einen Dialog über etwas, das der anderen Person vielleicht nahegeht. Bei ernsthaften Fällen kann man auf Facebook Beschwerde einlegen. Wenn die Inhalte von Bots kommen, einfach blockieren oder ignorieren.

Oleksiy Matsuka:

Es gibt viele Beispiele der Desinformation zu Impfstoffen – die höre ich oft. Menschen erzählen mir von Aussagen von Politikerinnen oder Politikern, die das so nie gesagt haben. Wenn man den Einfluss von Desinformation begreift, macht einen das traurig und man will sofort darüber schreiben.

Das Hauptrisiko der Desinformation besteht darin, dass sie die Realität verzerrt, sie erzeugt verdrehte Interpretationen statt Fakten – all das wirkt sich sicherlich auf die Entscheidungsfindung und den Prozess der Gesellschaftspolitik aus.

Oleksiy Matsuka, Chefredakteur beim Fernsehsender DOM

Miroslawa Bartschuk:

Desinformation und Halbwahrheiten kommen parallel zu glaubwürdigen Nachrichten auf. Das war schon immer so, seit Gutenberg die mechanische Presse erfunden hat. Der Nachteil des digitalen Zeitalters ist die rasante Verbreitung mit enormer Reichweite. Doch ich trete dem in meinen Artikeln entgegen. Ich fordere Menschen, die solche Informationen darbieten, auf, mir Nachweise und/oder Links zu Behauptungen zu senden – keine erfundenen Geschichten oder Artikel, sondern glaubwürdige Links. Die Reaktion von Menschen, die an Verschwörungstheorien glauben, ist meist ziemlich aggressiv.

Was ist Ihre Empfehlung zur Reaktion auf oder Vermeidung von Desinformation?

Alyona Romanyuk:

Jeder kann die Verbreitung von Lügen aufhalten. Teilen Sie keine Informationen, bei denen Sie sich unsicher sind. Lesen Sie keine Nachrichtenseiten, die für gezielte Falschmeldungen bekannt sind, sondern unterstützen Sie unabhängigen Journalismus.

Dimitro Tusow:

Ignorieren Sie Kanäle, die bekanntermaßen kremlfreundliche Desinformation verbreiten oder bei denen die Kontrollierenden – Diktatoren und Oligarchen – ein Monopol in bestimmten Märkten haben. Reagieren Sie auf Desinformation und melden Sie sie, wenn Sie können, auch in sozialen Netzwerken. Prüfen Sie die Information in mehreren Quellen – fangen Sie bei den Medien an, denen Sie vertrauen. Prüfen Sie Fotos und Videos auf saisonale Diskrepanzen hinsichtlich Kleidung oder Vegetation. Schauen Sie sich den geografischen Standort, die Umgebung und Architektur an. Überraschenderweise kann meist selbst eine erste Analyse viel Desinformation offenlegen.

Dimitro Tusow, Moderator bei Radio NV.

Oleksiy Matsuka:

Finden Sie heraus, wem die Medien gehören und wer Chefredakteur bzw. Chefredakteurin ist und folgen Sie ihnen in sozialen Medien. Informieren Sie sich darüber, wie Sie bei einer unabhängigen Selbstregulierungsorganisation für Journalismus in Ihrem Land eine Beschwerde einreichen können. Überladen Sie sich nicht mit Informationsplattformen. Wählen Sie aus, was leicht zu prüfen ist – wer finanziert den Medienkanal? Akzeptieren Sie, dass die Medien nicht Ihre Bediensteten sind und nicht verpflichtet sind, zu Ihren politischen und ideologischen Vorzügen zu passen.

Roman Kolyada:

Lesen Sie glaubwürdige Medien und denken Sie kritisch. Prüfen Sie zuverlässige Quellen, wenn Sie „dramatische“ oder schockierende Nachrichten sehen. Wenn Sie eindeutige Desinformation in sozialen Netzwerken sehen, kommentieren Sie diese nicht, sondern schreiben Sie eine private Nachricht, wenn es eine Ihnen nahestehende Person ist. Mit einem Kommentar tragen Sie zur Verbreitung der Desinformation in den sozialen Netzwerken bei. So funktionieren Algorithmen. Mehr Menschen kommentieren – mehr Menschen sehen es. Reagiert eine Person feindselig, ignorieren oder blockieren Sie diese.

Roman Kolyada, Journalist und Moderater für das öffentlich-rechtliche Radio in der Ukraine.

Miroslawa Bartschuk:

Vertrauen Sie nicht unzuverlässigen und ungeprüften Quellen. Suchen Sie nach Bestätigung in Primärquellen. Verbreiten Sie keine dubiosen, emotionalen Informationen. Lesen Sie weiter als nur die Schlagzeilen. Unterstützen Sie Qualitätsmedien finanziell. Lesen Sie hochwertige Presse, die Sie zum Denken anregt, und machen Sie Ihre Welt so intelligenter und gesünder.

 

***

Wir führen diese Artikelreihe zur Feier des Welttags der Pressefreiheit fort. In der nächsten Ausgabe sprechen wir mit Journalistinnen und Journalisten aus Aserbaidschan. Vorherige Artikel: Teil 1. Belarus; Teil 2. Georgien; Teil 3. Armenien.

RECHTLICHER HINWEIS

Bei den Fällen in der EUvsDisinfo-Datenbank geht es um Aussagen im internationalen Informationsraum, die als parteiische, verzerrte oder falsche Darstellung der Realität und als Verbreitung von kremlfreundlichen Kernbotschaften identifiziert wurden. Daraus folgt nicht zwangsläufig, dass die betroffenen Medien Verbindungen zum Kreml haben oder den Kreml redaktionell unterstützen oder dass sie absichtlich Desinformation verbreiten wollten. Die Veröffentlichungen von EUvsDisinfo stellen keine offizielle Position der EU dar, da die präsentierten Informationen und vertretenen Meinungen auf Medienberichten sowie Analysen der East StratCom Task Force basieren.

    %s

      TEILEN SIE UNS IHRE MEINUNG MIT

      Informationen zum Datenschutz *

        Subscribe to the Disinfo Review

        Your weekly update on pro-Kremlin disinformation

        Data Protection Information *

        The Disinformation Review is sent through Mailchimp.com. See Mailchimp’s privacy policy and find out more on how EEAS protects your personal data.

        🎵 Playlist