Von Tanzvideos zu koordiniertem Playback zur Unterstützung des Krieges

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In sozialen Medien wird viel Desinformation verbreitet, auch in Konfliktzeiten. Mit über einer Milliarde Nutzenden weltweit stellt TikTok dabei keine Ausnahme dar. Die Plattform hat die Welt im Sturm erobert und gestattet es den Menschen, Teile des Krieges in Echtzeit zu verfolgen. Seit Russlands Invasion der Ukraine kommen auf TikTok immer mehr Videos vor, die vor Ort aufgenommen wurden: Kolonnen mit Militärfahrzeugen, Anleitungen, wie man einen verlassenen Panzer fährt, Tanzaufführungen auf dem Schlachtfeld, Kochrezepte aus Bunkern usw. Die andere Seite der Medaille sieht bedrohlicher aus: Auf TikTok wurden auch viele Videos mit Desinformation veröffentlicht, welche den „Sondereinsatz“ lobpreisen. Von selbst ernannten Kriegsexperten zu Kanälen, die Unterstützung vom Kreml erhalten – TikTok ist zum Nährboden für Kriegspropaganda geworden.

Von Desinformation zu Kriegspropaganda

In TikTok-Videos, die Unterstützung für die russische Invasion der Ukraine ausdrücken, wird häufig das toxische, kriegsbefürwortende Z verwendet und es werden Demonstrationen für den „Sondereinsatz“ gezeigt. Viele Videos rechtfertigen den „Sondereinsatz“ damit, dass die Russisch sprechende Bevölkerung im Donbas vor einem angeblichen „Genozid“ gerettet werden muss. Die russischen Soldaten werden als „Retter“ und „Verteidiger“ dargestellt, auf die die Menschen seit 2014 warten.

Bekannte kremlfreundliche Propagandisten äußern immer wieder irreführende Behauptungen, dass der „Sondereinsatz“ nur auf die ukrainische Militärinfrastruktur abzielt und dass von den USA finanzierte Labore in der Ukraine biologische Waffen entwickeln, um Russland anzugreifen. Andere Videos beschuldigen derweil die Ukraine, die Minsker Vereinbarungen nicht einzuhalten, und werfen der NATO, der EU und den USA vor, die Ukraine mit Atombomben zu bewaffnen, in Richtung Russland zu expandieren und sich in die innenpolitischen Angelegenheiten anderer Länder einzumischen.

Als Reaktion auf die nahezu einheitliche internationale Verurteilung der russischen Invasion der Ukraine liegt der Hashtag #мненестыдно [#Ichschämemichnicht] auf Twitter und TikTok im Trend. Viele TikTok-Videos beziehen sich auf Russlands Größe, oft im Vergleich zur UdSSR und das Russische Kaiserreich. Die Galionsfigur dieses Narrativs im kremlfreundlichen Desinformationsökosystem war Margarita Simonjan, die Chefredakteurin von RT. Sie reagierte auf #мненестыдно und das Narrativ und lamentierte dabei, dass sie sich einzig dafür schämt, dass sie [also die Russen] acht Jahre lang „nichts“ für den Donbas getan haben.

Die Rolle der Influencer

Ein Blogger erhob vor Kurzem den Vorwurf, dass russische Influencer koordiniert und angewiesen werden, dieses Skript so zu wiederholen. Neben den offensichtlichen Überschneidungen der Videos verleiht die Tatsache, dass alle entsprechenden Videos mittlerweile gelöscht wurden und sechs der 13 Kanäle, die diese Videos hochgeladen haben, ihre TikTok-ID geändert haben, dieser Behauptung Glaubwürdigkeit.

Doch das waren bei Weitem nicht die einzigen koordinierten Videos, die auf TikTok kursierten. Zahlreiche nahezu identische Videos werden von bekannten Influencern verbreitet, allesamt mit den gleichen Audioausschnitten, Hashtags und Filtern. Diese Kanäle – mit zehntausenden bis millionen Followern – sehen wie gewöhnliche TikTok-Konten aus, über die Menschen Pranks, Tanzvideos und lustige Inhalte teilen. Doch mit Beginn der Invasion der Ukraine begannen diese Kanäle, politisch orientierte Videos zu veröffentlichen.

In einer Reihe von Videos beginnt die Szene mit dem Protagonisten auf einem Knie. Die Person hält ein Schild mit „Russophobie“, „Donbas“, „Hassrede“, „Unterdrückung“, „Luhansk“, „Sanktionen“, „Informationskrieg“ und „Nationalismus“ auf Englisch hoch. Dann steht die Person auf und dreht das Schild. Auf der anderen Seite steht „Russian lives matter“ (russische Leben haben Wert). Alle Videos verwenden das gleiche Lied – ein Remix von Katjuscha – und den gleichen Filter mit der Mutter-Heimat-Statue in Wolgograd. Sie alle tragen die Bildunterschrift „Russian Lives Matter“ sowie den Hashtag #RLM. Verschiedene Influencer erstellten über zwanzig identische Videos (siehe hier, hier, hier und hier für Beispiele). Einige erhielten hunderttausende Interaktionen, Gefällt-mir-Angaben und Kommentare.

Könnte dieser Trend von einer tatsächlichen Basisinitiative vorangetrieben werden? Wohl kaum. Ein weiterer russischer Influencer teilte eine Geschichte auf seinem Instagram-Konto (siehe unten) mit einer Anfrage für ein Video mit klaren Anweisungen: „Der Blogger spielt einen Anwohner des Donbas, der 2014 überlebte […]. Jetzt ist er sicher, denn die russischen Streitkräfte helfen den Volksrepubliken Donezk und Luhansk“. Die Nachricht enthält auch den Hashtag und einen Audioclip als Playback für das Video.

Eine schnelle Suche auf TikTok ergab, dass nach diesen Anweisungen mindestens zwei Videos (eines hier, ein weiteres wurde gelöscht) erstellt wurden. Darüber hinaus wurde eines der Videos von einem Influencer veröffentlicht, der auch die oben erwähnten identischen Texte der Skripte vortrug.

Gesponserte und bezahlte Inhalte sind auf TikTok üblich – und auch in anderen sozialen Medien. Dutzende Telegram-Kanäle bieten Nutzenden auf TikTok und Instagram Geld, um bestimmte Videos aufzunehmen. Insbesondere ein Kanal, MM-Media, kündigte (Anmerkung: diese und andere Links zu Beiträgen von MM-Media sind nur für Mitglieder des Kanals sichtbar, da der Kanal kürzlich auf privat umgestellt wurde) Ende Februar an, dass es viele Anfragen zu politischen Themen für ein „großes Projekt“ geben würde, mit „mehr Geld“ von „über 20 000 Rubel“ für ein Video. Die Inhaberin des Telegram-Kanals fordert TikTok-Blogger „mit über 5 Millionen Followern“ auf, sie anzuschreiben, wenn sie „Werbung für die Regierung“ machen wollen. Seitdem hat der Kanal mehrere Aufrufe zu politischen Themen an TikTok-Blogger mit mindestens 1,5 Mio., 5 Mio. und 10 Mio. Followern veröffentlicht. In einigen dieser Aufrufe wurde ein Beispiel als Referenz angegeben. Dutzende Videos, die diesen Anweisungen folgen, kursieren auf TikTok (hier, hier und hier als Beispiel). Bei einem anderen Aufruf wurden die Influencer aufgefordert, mit ihren Fingern ein Z zu zeigen. Erneut wurden viele Videos zu dieser Anfrage auf TikTok geteilt (hier, hier und hier als Beispiel). Vor Kurzem startete der Telegram-Kanal von MM-Media einen Aufruf an Englisch sprechende Blogger: Sie sollen Videos zum Thema „dumme Sanktionen“ erstellen.

Was die Zukunft bringt

Am 4. März kündigte TikTok an, dass Inhalte von staatlichen Medienkonten als solche gekennzeichnet werden sollen. Später kündigte es an, dass alle Beiträge und Live-Streams aus Russland eingestellt werden. Das Unternehmen kündigte außerdem an, dass alle nicht-russischen Inhalte in Russland blockiert werden, sodass ein Nutzer mit russischer IP-Adresse keine nicht-russischen TikTok-Inhalte mehr sehen kann. Diese Entscheidungen haben viele russische Nutzer von ausländischen Inhalten abgeschnitten.

Dennoch werden auf TikTok Tausende Videos zum Krieg in der Ukraine veröffentlicht. Die Gier nach Bekanntheit auf TikTok sorgt für Millionen Reaktionen und die Videos werden massiv weiter geteilt. Viele von ihnen kursieren in anderen sozialen Netzwerken, traditionellen Medienkanälen und selbst im Fernsehen. Es besteht zwar kein Zweifel daran, dass die meisten Videos auf TikTok authentisch sind und persönliche Meinungen ausdrücken, doch es bedarf mehr Aufmerksamkeit, dass Influencer dafür bezahlt werden, Videos aufzunehmen, die den „Sondereinsatz“ und den Kreml unterstützen.

Auf TikTok passt Krieg gut in eine virtuelle Welt, in der Gewalt heruntergespielt wird. All das für ein paar Rubel. Bei all dem spricht viel dafür, dass die Bedeutung von TikTok auf dem Informationsschlachtfeld in der nahen Zukunft noch weiter zunehmen wird.

RECHTLICHER HINWEIS

Bei den Fällen in der EUvsDisinfo-Datenbank geht es um Aussagen im internationalen Informationsraum, die als parteiische, verzerrte oder falsche Darstellung der Realität und als Verbreitung von kremlfreundlichen Kernbotschaften identifiziert wurden. Daraus folgt nicht zwangsläufig, dass die betroffenen Medien Verbindungen zum Kreml haben oder den Kreml redaktionell unterstützen oder dass sie absichtlich Desinformation verbreiten wollten. Die Veröffentlichungen von EUvsDisinfo stellen keine offizielle Position der EU dar, da die präsentierten Informationen und vertretenen Meinungen auf Medienberichten sowie Analysen der East StratCom Task Force basieren.

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