Die gefährlichen Auswirkungen von Desinformation in Kriegszeiten

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Für die ukrainische Zivilbevölkerung bedeutet die russische Offensive nicht nur, dass sie sich vor Kugeln und Artillerie schützen muss, sondern auch, dass sie einer Desinformationsflut ausgesetzt ist, die von russischen und mit Russland verbundenen Akteuren gegen sie gerichtet wird. In Recherchen des Center for Civilians in Conflict (CIVIC) wurden eine Vielzahl von Desinformationsnarrativen identifiziert, die seit Februar 2022 verbreitet wurden und das Leben von Zivilisten gefährdet haben.

Informationskampagnen sind heute ein fester Bestandteil der nationalen Militär- und Verteidigungsstrategien. Die Kriegsakteure haben erkannt, dass das Beherrschen des Informationsraums – einschließlich der Fähigkeit, Desinformationen zu erkennen und zu bekämpfen – wesentlich zum Erfolg militärischer Operationen beitragen kann. In der Ukraine haben sich die Regierung und das Militär intensiv mit der Frage beschäftigt, wie mit der Desinformationsflut umzugehen ist, die seit der groß angelegten russischen Invasion den Informationsraum beherrscht. Auch die ukrainische Zivilgesellschaft versucht, Falsch- und Desinformationen zu erkennen und zu entlarven. Regierung und Zivilgesellschaft haben bisher in der Regel versucht, strategische und weitreichende Informationsnarrative zu identifizieren und zu entlarven, die die Glaubwürdigkeit der ukrainischen Regierung und des ukrainischen Militärs zu untergraben drohen und Russlands Aggression zu rechtfertigen versuchen.

Viele der gefährlichen Narrative, die das CIVIC in seinen jüngsten Recherchen identifiziert hat, werden jedoch über Social-Media-Plattformen und Messaging-Anwendungen in bestimmten geografischen Gebieten auf taktischer und lokaler Ebene verbreitet. Infolgedessen werden sie leicht übersehen, obwohl gerade die auf diese Weise verbreiteten Desinformationen unmittelbar zum Tod und Leid von Zivilisten führen können. Langfristig können solche Narrative auch die Kriegsaktivitäten eines Landes zunichtemachen, da sie die Widerstandsfähigkeit der Bevölkerung, den sozialen Zusammenhalt und das Vertrauen untergraben.

Die gefährliche Verbreitung taktischer Desinformation

Zu den gefährlichen, vom CIVIC dokumentierten Desinformationsnarrativen gehören auch solche, die darauf abzielen, Evakuierungen oder Fluchtbewegungen zu vereiteln. Nach Angaben von Zivilisten, die die Posts gesehen haben, und von zivilgesellschaftlichen Organisationen, die die Verbreitung von Desinformationen beobachten, waren unter diesen Narrativen auch Falschinformationen über den Zeitpunkt, den Ort und das Vorhandensein von begleiteten Evakuierungsmaßnahmen zu finden, die von russischen und mit Russland verbundenen Akteuren verbreitet wurden. Als das russische Militär Städte bombardierte und angriff, rieten Online-Nutzer der Zivilbevölkerung davon ab, bestimmte Fluchtrouten zu nutzen, da sie blockiert seien oder zivile Fahrzeuge auf diesen Routen von den Streitkräften der Ukraine beschossen würden. Der Bericht des CIVIC beschreibt zum Beispiel, wie der pro-russische Medienkanal ANNA News am 17. März 2022 ein Video veröffentlichte, in dem angeblich evakuierte Zivilisten in einem Bus zu sehen sind, der auf der Flucht aus Mariupol von den Streitkräften der Ukraine beschossen wurde. Das CIVIC hat keine glaubwürdigen Beweise für die Behauptung in diesem Video gefunden.

In anderen Narrativen wurde versucht, Verwirrung und Panik in der Zivilbevölkerung zu verbreiten, z. B. durch falsche Behauptungen darüber, welche Gebiete des Landes unter russischer Besatzung stehen oder dass an jeder Ecke verdeckte Spione ihr Unwesen treiben. Die Zivilisten, die diese Posts gesehen hatten, gaben gegenüber dem CIVIC an, dass sie Zivilisten in Gefahr gebracht hätten.

Dies ist zwar kein neues Phänomen in der Ukraine, aber Desinformationsnarrative, die einen Keil zwischen verschiedene Bevölkerungsgruppen treiben sollen, haben im Jahr 2022 wieder zugenommen. Dazu gehören Nachrichten, die die Spannungen zwischen vertriebenen Ukrainern und den aufnehmenden Ländern sowie zwischen den hauptsächlich Russisch sprechenden und den hauptsächlich Ukrainisch sprechenden Zivilisten verschärfen sollen.

Einige online verbreitete Narrative könnten Zivilisten davon abgehalten haben, einen Arzt aufzusuchen. Russische Medien berichteten, dass die Krankenhäuser in einigen Städten überlastet wären oder keine Krankenwagen mehr verfügbar wären. Über Online- und Offline-Meldungen haben die russischen Behörden Zivilisten mit dem Versprechen humanitärer Hilfe zu Registrierungsstellen gelockt. Dort wurde zwar zum Teil tatsächlich Hilfe geleistet, aber Russland nutzte diese Orte auch, um biometrische Daten zu sammeln und Zivilisten in Filtrationslager zu bringen und in Gewahrsam zu nehmen.

Verlässlichkeit und Vertrauen: Die Rolle der sozialen Medien in Kriegszeiten

In den sozialen Medien florierte die Desinformation genau zu der Zeit, zu der Zivilisten diese Plattformen zunehmend nutzten, um lebensrettende Entscheidungen zu treffen. Eine Befragung des CIVIC ergab, dass sich vor Februar 2022 42 Prozent der Befragten hauptsächlich im Fernsehen über die politische und sicherheitspolitische Lage informierten und 14 Prozent über den beliebten Messenger-Dienst Telegram. In den zwei Wochen nach der groß angelegten Invasion Russlands kehrten sich diese Zahlen um. 46 Prozent nannten Telegram als ihre wichtigste Informationsquelle und nur 12 Prozent nutzten weiterhin das Fernsehen als Hauptquelle. Die Zunahme von Desinformationen in den sozialen Medien und die sich verändernden Muster des ukrainischen Informationskonsums wirken sich darauf aus, wie Regierungsinstitutionen und andere, die die Zivilbevölkerung schützen möchten, Desinformationen erkennen können und ihnen entgegenwirken sollten.

Schon vor der groß angelegten russischen Invasion investierte die ukrainische Regierung stark in den Aufbau von Regierungsinstitutionen, um Desinformationen zu erkennen und darauf zu reagieren. Seit Februar 2022 nutzen die zivilen und militärischen Behörden in der Ukraine verstärkt soziale Medien, um proaktiv mit der Zivilbevölkerung zu kommunizieren und Desinformationen zu entlarven. Ein ukrainischer Beamter erklärte CIVIC, dass die Institution, für die er arbeitet, inzwischen verschiedene soziale Medien für die Kommunikation nutzt, mehr Nachrichten pro Tag teilt als früher und die Zahl der Follower auf nur einer Plattform um das 25-Fache steigern konnte. Im August 2022 nutzte der Bürgermeister von Melitopol – einer Stadt an der Frontlinie – Telegram-Posts, um Informationen über russische Raketenangriffe entlang einer stark frequentierten Evakuierungsroute zu teilen. Russische und mit Russland verbundene Nutzer sozialer Medien versuchten, die Raketenangriffe als Fake News zu betiteln und gefährdeten damit die Zivilbevölkerung auf dieser Route. Als klar war, dass einige Gebiete des Landes vom Zugang zu den sozialen Medien abgeschnitten waren, kommunizierten die ukrainischen Behörden über eine Vielzahl von Plattformen, während sie gleichzeitig die zerstörte Telekommunikationsinfrastruktur reparierten, um kritische Informationsleitungen im ganzen Land nutzbar zu halten. Eine andere ukrainische Beamtin erzählte zum Beispiel, wie sie versuchte, den Falschinformationen über die Evakuierungen entgegenzuwirken, und die richtigen Informationen per Telefon an die Zivilbevölkerung weitergab. Nachdem in einer Stadt der Strom ausfiel und die telefonische Kommunikation nicht mehr ausreichte, versuchten die Behörden, per Mund-zu-Mund-Propaganda und Lautsprecher über Evakuierungen aufzuklären.

Starke und kooperative Beziehungen zwischen Regierungsvertretern und der Zivilgesellschaft, die vor dem Februar 2022 aufgebaut wurden, blieben auch im Krieg bestehen und waren von entscheidender Bedeutung für die Bekämpfung der Verbreitung von Desinformationen. Die ukrainische Regierung und die Zivilgesellschaft arbeiteten auch mit den Muttergesellschaften von Social-Media-Plattformen zusammen, um Desinformationen zu identifizieren und die Entfernung schädlicher Inhalte zu erreichen. Ukrainische Zivilisten sagten gegenüber dem CIVIC, dass all diese Maßnahmen dazu beitrugen, die negativen Auswirkungen der Desinformation zu begrenzen.

Herausforderungen und Strategien bei der Bekämpfung lokal angesiedelter Desinformationen in der Ukraine

Den ukrainischen Behörden und zivilgesellschaftlichen Organisationen gelang es jedoch nicht ausreichend, die auf lokaler Ebene verbreiteten Desinformationsnarrative zu erkennen und darauf zu reagieren, obwohl sie von den Beteiligten als besonders schädlich für die Zivilbevölkerung eingestuft wurden. Diese Tatsache unterstreicht die Notwendigkeit, dass die Strategien der Regierung und des Militärs für Informationsoperationen auch die Überwachung von und die Reaktion auf Desinformationen umfassen müssen, die die Zivilbevölkerung gefährden. Sie unterstreicht außerdem die Notwendigkeit von Systemen, die Desinformationen auf lokaler Ebene erkennen und sie in nationalen Maßnahmen bekämpfen. Das Vertrauen der Zivilbevölkerung in die ukrainische Regierung und das Militär ist zwar nach wie vor extrem hoch, aber strategische Kommunikationskampagnen, die tatsächliche Bedrohungen für die Zivilbevölkerung in Frage stellen oder ein übermäßig positives, realitätsfremdes Bild der Ereignisse zeichnen, können die Glaubwürdigkeit mit der Zeit untergraben. Darüber hinaus reagierten selbst die engagiertesten Social-Media-Unternehmen nur zögerlich auf die Bitte, Inhalte besser zu moderieren, und hatten Schwierigkeiten, ihre Antworten in einen Kontext zu stellen – was darauf hinweist, dass stärkere rechtliche Mechanismen zur Einflussnahme auf das Verhalten von Technologieunternehmen notwendig sind. Die Erfahrungen der Ukraine zeigen auch, wie wichtig es ist, Zivilisten und Regierungsbeamte auf lokaler und nationaler Ebene in Medienkompetenz zu schulen und bestimmte Informationsangebote auf ältere Menschen und Menschen mit Behinderungen zuzuschneiden.

Da auch immer mehr Militärangehörige die Bedeutung des Schutzes der Zivilbevölkerung bei militärischen Operationen sowie den Wert der Kontrolle des Informationsraums erkennen, sollten sie einen Teil ihrer Bemühungen auf die Schnittstelle zwischen Desinformation und Sicherheit der Zivilbevölkerung konzentrieren. Staaten können die Auswirkungen, die gegnerische Informationsoperationen im Krieg auf die Sicherheit und das Wohlergehen der Zivilbevölkerung haben können, leicht übersehen und sich ausschließlich auf die Auswirkungen von Desinformationen auf die Kriegsführung konzentrieren. Ein stringenter, umfassender Ansatz zur Bekämpfung von Desinformation umfasst jedoch beide Aspekte.

Dieser Artikel basiert auf den Untersuchungen, die vom und für das Centre of Civilians in Conflict durchgeführt und in einem kürzlich erschienenen Bericht veröffentlicht wurden: „When Words Become Weapons: The Unprecedented Risks to Civilians from the Spread of Disinformation in Ukraine.“ Die Quellen für die Daten, Beispiele und Analysen in diesem Artikel finden Sie im vollständigen Bericht.

 

 

Rechtlicher hinweis

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