Karl Popper und die Nicht-Falsifizierbarkeit des Blödsinns

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Aufpoppende Fälschungen

Karl Popper, der 1902 in Wien geboren wurde, ist weiterhin als einer der größten Wissenschaftsphilosophen anerkannt. Er war auch ein einflussreicher sozialer und politischer Philosoph, ein selbsternannter Kämpfer gegen alle Formen von Skepsis und Relativismus in der Wissenschaft und in menschlichen Angelegenheiten im Allgemeinen. Er war ein entschiedener Verteidiger der so genannten „Offenen Gesellschaft“. Poppers Einfluss ist kaum zu überschätzen. Hermann Bondi, ein bekannter Mathematiker, drückte dies mit den Worten aus: „Die Wissenschaft ist nicht mehr als ihre Methode, und ihre Methode ist nicht mehr, als Popper gesagt hat.“

Poppers eigene Erfahrungen hatten einen starken Einfluss auf sein Denken. Als Student in den 1920er Jahren hörte Popper eine Vorlesung von Einstein. Diese Erfahrung hat ihn sehr inspiriert. Zuvor, als Teenager, hatte er mit dem Marxismus und später mit den psychoanalytischen Werken Freuds geliebäugelt. Als er jedoch Einstein zuhörte, wurde ihm klar, dass seine Theorie „riskant“ war. Das war eine positive Entwicklung. Laut Popper war Einstein wagemutig, denn es war möglich, aus seiner Theorie Konsequenzen abzuleiten, die, wenn sie sich als falsch herausstellten, die gesamte Theorie wiederlegen würden. Dieser „kritische Geist“ bei Einstein, der sowohl bei Marx (kritische Theorie ist etwas ganz anderes) als auch bei Freud völlig fehlte, war für Popper von entscheidender Bedeutung. Freud und Marx, so dachte Popper, entwickelten Theorien in Begriffen, die nur bestätigt werden konnten. Im Gegensatz dazu lieferte Einstein überprüfbare Implikationen, die, wenn sie falsch wären, die gesamte Theorie falsifizieren würden. Wie wir sehen werden, wurde dies später der Kern von Poppers Wissenschaftsphilosophie.

Natürlich haben ihn auch die Dramen des 20. Jahrhunderts stark beeinflusst. Er war bestürzt darüber, dass es den demokratischen Parteien nicht gelungen war, den Aufstieg des Faschismus aufzuhalten, und dass die Marxisten ihn förmlich willkommen hießen, da sie den Faschismus als einen dialektischen Schritt sahen, der zur Implosion des Kapitalismus führte. Später führte dies dazu, dass Popper das „Toleranzparadoxon“ aufstellte. Grob ausgedrückt bedeutet das, dass Demokraten intolerant gegen Intoleranz sein sollten. Ein starkes Argument für das Eingreifen der Regierung in Prozesse und Einrichtungen, die darauf abzielen, die Demokratie zu untergraben, wie z.B. die Verbreiter von Desinformationen.

Popper, jüdischer Abstammung, nahm 1937 eine Stelle als Philosophieprofessor in Neuseeland an, wo er während des 2. Weltkriegs blieb. Die Annexion Österreichs, seines Geburtslandes, veranlasste Popper im Jahr 1938, sich mehr mit politischer Philosophie zu beschäftigen. Im Jahr 1945 veröffentlichte er seine Kritik am Totalitarismus, Die offene Gesellschaft und ihre Feinde.

Wir haben über die Macht und die Gefahren der Geschichte der „Ewigkeit“ geschrieben. Popper würde diese Geschichte als eine Form des „Historismus“ bezeichnen. Darunter verstand er den Glauben, dass sich die Geschichte unaufhaltsam und notwendigerweise auf ein festes Ende hin entwickelt, das bestimmten Prinzipien oder Regeln folgt. Popper hatte vor allem Platon als einen Philosophen im Sinn, der den Weg für diese Konzepte ebnete. Diese Ideen, so argumentiert Popper, haben ihren Ursprung in dem, was er wie folgt beschriebt:

einer der ältesten Träume der Menschheit — der Traum von der Prophezeiung, die Vorstellung, dass wir wissen können, was die Zukunft für uns bereithält, und dass wir von diesem Wissen profitieren können, indem wir unsere Politik danach ausrichten.

Eine Reihe von Poppers Werken, insbesondere Die Logik der Forschung (1959), sind heute weithin als wegweisende Klassiker auf dem Gebiet der Wissenschaftstheorie anerkannt. Der Kern des Buches ist recht einfach: eine universelle Behauptung wird durch eine einzige echte Gegenbehauptung falsifiziert. Sie hat die Entwicklung der modernen Wissenschaft stark beeinflusst und hat auch wichtige Auswirkungen auf uns, die wir uns mit Desinformation beschäftigen.

Infoshum = Blödsinn

Und nun zurück in unsere Zeit. Im Jahr 2018 schrieb EUvsDisinfo über eine besondere Art von kremlfreundlichen Medieninhalten: infoshum. Sie ist tiefgründiger, effektiver und dunkler als das Konzept der Ewigkeit.

Das Wort Infoshum hat seine Wurzeln in dem international bekannten Begriff „white noise“ (dt.: weißes Rauschen), d.h. zufälliges und bedeutungsloses Rauschen, auch bekannt als „Info-Rauschen“. Es befindet sich in der Grauzone zwischen Information und Desinformation. Wir haben Beweise dafür, dass Infoshum aktiv von kremlnahen Medien vorangetrieben wird.

Ein wichtiges Konzept, das uns hilft, Infoshum zu verstehen, ist Blödsinn.

Interessanterweise gibt es tatsächlich eine Theorie des Blödsinns, sie hat Auswirkungen auf die Desinformation. Diese Theorie wurde in dem Buch “On Bullshit” des Philosophen Harry Frankfurt vorgestellt. Die allerersten Zeilen lauten:

„Eines der hervorstechendsten Merkmale unserer Kultur ist, dass es so viel Blödsinn gibt. Jeder weiß das.”

Gemäß Frankfurt ist Blödsinn etwas, das überzeugen soll, ohne sich überhaupt um die Wahrheit zu kümmern. Diese Unbekümmertheit unterscheidet eine Person, die Blödsinn erzählt, von jemandem, der lügt. Der Blödsinnerzähler ist radikaler. Menschen, die Lügen, kennen die Wahrheit und machen sich darüber Gedanken, und gerade deshalb versuchen sie, die Lüge zu verbergen. Einer Person, die Blödsinn erzählt, ist es jedoch egal, ob sie die Wahrheit sagt oder lügt. Ihr Schwerpunkt liegt allein auf der Überzeugungskraft.

Frankfurt behauptet nicht, dass es in der Gesellschaft mehr Bullshit gibt als früher. Stattdessen führt er an, dass alle Formen der Kommunikation zugenommen haben, wodurch ebenso mehr Blödsinn sichtbar wird. Als Frankfurt sein Buch im Jahr 2005 veröffentlichte, verwalteten die wertvollsten Unternehmen der Welt noch Öl und Geld statt Informationen; Facebook hatte gerade mal 6 Millionen Nutzer. Wir waren noch Jahre vom spektakulären Aufstieg der sozialen Medien entfernt.

Spulen Sie vor ins Jahr 2021, und der Blödsinn ist noch düsterer geworden, als selbst Frankfurt vorausgesagt hat. Manchmal scheint es so, als würden unsere Demokratien in Blödsinn ertrinken. Leider deckt unsere Datenbank eine ganze Menge Blödsinn.


„Eines der hervorstechendsten Merkmale unserer Kultur ist, dass es so viel Blödsinn gibt. Jeder weiß das.” – Harry Frankfurt

Besetzung des Informationsraums

Warum sollte jemand Blödsinn verbreiten? Letztendlich geht es darum, den Informationsraum zu besetzen.

Wie wir bereits berichtet haben, hat eine vom Kreml finanzierte Denkfabrik eine Abhandlung veröffentlicht mit dem Titel „Sicherung von Informationen für außenpolitische Zwecke im Kontext der digitalen Realität“, in der folgende Behauptung aufgestellt wird:

„Ein vorausschauend gestaltetes Narrativ, das den nationalen Interessen des Staates entspricht, kann die Auswirkungen der Aktivitäten ausländischer Kräfte im Informationsbereich erheblich verringern, da sie in der Regel versuchen, „Leerstellen“ [im Informationsfluss] zu besetzen.“

Diese Strategie zeigt das Bestreben, die Aufmerksamkeit von einer bestimmten Wahrheit abzulenken. Wer diese Strategie anwendet, lügt also und erzählt nicht bloß Blödsinn.

Allerdings teilen der taktische Lügner und der Blödsinnerzähler eine gemeinsame Einstellung. Der Inhalt ist zweitrangig, das primäre Ziel ist die Überflutung des Informationssystems.

Aus diesem Blickwinkel sind selbst falsche Informationen, die nicht direkt schädlich zu sein scheinen, gefährlich, weil sie Raum einnehmen und die allgemeinen Bedingungen für die Wahrheitsfindung beeinträchtigen. In dieser Hinsicht ist es an sich schon bezeichnend, dass in Russland fast die Hälfte aller politischen Gespräche auf Twitter von Bots geführt werden.

Forscher konnten nachweisen, dass dies auch bezüglich COVID-19 der Fall ist. Sie untersuchten mehr als 200 Millionen virenbezogene Tweets weltweit und kamen zu dem Schluss, dass seit Januar etwa 45 Prozent dieser Tweets von Konten gesendet wurden, die sich eher wie computergesteuerte Roboter als wie Menschen verhalten.

Im Jahr 2018 hat Facebook 835 Millionen gefälschte Konten gelöscht – das sind fast zehn Prozent der Weltbevölkerung.

Steve Bannon hat bekanntlich einst gesagt: „Die Demokraten spielen keine Rolle. Die wahre Opposition sind die Medien. Und der Weg, mit ihnen fertig zu werden, ist, den Informationsraum mit Blödsinn zu überschwemmen.“


45 % der weltweit mehr als 200 Millionen Tweets über COVID-19 wurden von Konten gesendet, die sich wie computergesteuerte Roboter verhalten.

Die Falsifizierbarkeit von Bullshit

Wenn man das Informationssystem überschwemmen will, ist Blödsinn ein gutes Hilfsmittel, denn er ist möglicherweise schwerer zu falsifizieren als eine Lüge. Hier kommen wir wieder auf Karl Popper zurück, denn genau das hat er mit Falsifizierbarkeit gemeint: die Fähigkeit, eine Behauptung durch Beweise zu widerlegen.

Zum Beispiel ist die Aussage: „alle Schwäne sind weiß“ falsifizierbar. Man braucht nur einen schwarzen Schwan, um sie zu widerlegen. Dagegen ist „dieses menschliche Verhalten ist selbstlos“ eine nicht falsifizierbare Aussage. Das liegt daran, dass wir keine Hilfsmittel besitzen, um zu entscheiden, ob eine Handlung aus Eigeninteresse zustande kommt oder nicht.

Im Kontext der Desinformation funktioniert es genauso.

Wenn Sie zum Beispiel die Behauptung der BBC, der MH17-Flug sei von einem ukrainischen Kampfjet abgeschossen worden, in die Welt setzen, kann dies leicht widerlegt werden. Die betreffende BBC-Dokumentation wurde eindeutig falsch dargestellt. Schwieriger wird es jedoch, die folgende (von uns erfundene) Behauptung zu widerlegen: „George Soros ist die treibende Kraft hinter einer Geheimgesellschaft, die Farbrevolutionen unterstützt. Ihre verborgene Absicht ist es, alle Nationalstaaten zu stürzen, um Platz für eine Weltregierung zu schaffen.“

Sie kann nie vollständig widerlegt werden. Popped und Frankfurt haben jedoch gezeigt, dass auch das nicht der Wahrheit entspricht: Es deutet vielmehr stark darauf hin, dass wir es mit Blödsinn zu tun haben. Und wie wir wissen, ist Blödsinn nicht unschuldig.

RECHTLICHER HINWEIS

Bei den Fällen in der EUvsDisinfo-Datenbank geht es um Aussagen im internationalen Informationsraum, die als parteiische, verzerrte oder falsche Darstellung der Realität und als Verbreitung von kremlfreundlichen Kernbotschaften identifiziert wurden. Daraus folgt nicht zwangsläufig, dass die betroffenen Medien Verbindungen zum Kreml haben oder den Kreml redaktionell unterstützen oder dass sie absichtlich Desinformation verbreiten wollten. Die Veröffentlichungen von EUvsDisinfo stellen keine offizielle Position der EU dar, da die präsentierten Informationen und vertretenen Meinungen auf Medienberichten sowie Analysen der East StratCom Task Force basieren.

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