Blödsinn erobert lärmend den Informationsraum
Im Jahr 2018 haben wir bereits über eine besondere Art kremlfreundlicher Medieninhalte geschrieben: Infoshum.
Der Begriff Infoshum hat seinen Ursprung in dem international bekannten Begriff „weißes Rauschen“, also zufälliges und bedeutungsloses Rauschen, auch bekannt als „Informationsrauschen“. Es befindet sich in der Grauzone zwischen Information und Desinformation. Und wir haben Beweise dafür, dass es von kremlfreundlichen Medien aktiv vorangetrieben wird.
Ein wichtiger Begriff, der uns hilft, Infoshum zu verstehen, ist Blödsinn.
Interessanterweise gibt es tatsächlich eine Theorie des Blödsinns und sie hat Auswirkungen auf Desinformation.
Diese Theorie wurde in dem Buch „On Bullshit“ des Philosophen Harry Frankfurt dargelegt. Die allerersten Zeilen lauten:
„Eines der hervorstechendsten Merkmale unserer Kultur ist, dass es so viel Blödsinn gibt. Jeder weiß das.“
Gemäß Frankfurt ist Blödsinn etwas, das überzeugen soll, ohne sich überhaupt um die Wahrheit zu scheren. Diese Unbekümmertheit unterscheidet eine Person, die Blödsinn erzählt, von jemandem, der lügt. Der Blödsinnerzähler ist radikaler.
Menschen, die Lügen, kennen die Wahrheit und machen sich darüber Gedanken, und gerade deshalb versuchen sie, diese zu verbergen. Einer Person, die Blödsinn erzählt, ist es jedoch egal, ob sie die Wahrheit sagt oder lügt. Der Schwerpunkt liegt allein auf der Überzeugungskraft.
Frankfurt sagt nicht aus, dass es mehr Blödsinn in der Gesellschaft gibt als in der Vergangenheit. Stattdessen führt er an, dass alle Formen der Kommunikation zugenommen haben, wodurch ebenso mehr Blödsinn sichtbar wird.
Denken Sie einmal darüber nach. Frankfurt veröffentlichte dieses Buch 2005. Schon damals schrieb er über den weiter zunehmenden Blödsinn. Das war jedoch Jahre vor dem spektakulären Aufstieg der sozialen Medien. Im Jahr 2005 waren die wertvollsten Unternehmen der Welt noch im Öl- und Finanzbereich tätig, statt Informationen zu verarbeiten, und Facebook verfügte über magere 6 Millionen Nutzende, zumeist amerikanische College-Studierende.
Mit Blick ins Jahr 2020 ist der Blödsinn viel düsterer geworden, als selbst Frankfurt es möglicherweise jemals vorhergesagt hätte. Manchmal scheint es, als würden unsere Demokratien in Blödsinn ertrinken. Leider zeigt unsere Datenbank ziemlich viel Mist.

„Eines der hervorstechendsten Merkmale unserer Kultur ist, dass es so viel Blödsinn gibt. Jeder weiß das.“ Harry Frankfurt
Ein aktuelles und extravagantes Beispiel ist die Darstellung der Menschen in Dänemark als Zoophile.
Alexej Schurawlew, Mitglied des russischen Parlaments Duma, schimpfte in einer Fernsehsendung, in Dänemark wären Einrichtungen für zoophile Menschen eröffnet worden, die Personen besuchen können, um „eine Schildkröte zu vergewaltigen“. Das steht im Einklang mit früheren Narrativen, in denen die Dänen als zoophil dargestellt wurden. Es passt außerdem zu einem übergeordneten Narrativ über den moralischen Verfall des Westens.
Wir verfügen über weitere Beispiele. Was sollte man sonst von „der Zeit, als das russische Fernsehen behauptete, schwule Paare könnten ein echtes Baby auf einer Messe in Brüssel kaufen?“, oder als behauptet wurde, „der Europarat versuche, Männer und Frauen der russischen Delegation in 6 Geschlechter zu unterteilen” halten?
Besetzung des Informationsraums
Warum sollte jemand Blödsinn verbreiten? Letztendlich geht es darum, den Informationsraum zu besetzen.
Wie wir im Februar gemeldet haben, wurde vom Russischen Institut für strategische Studien, einer vom Kreml finanzierten Denkfabrik, eine Abhandlung veröffentlicht, die den Titel „Sicherung von Informationen für außenpolitische Zwecke im Kontext der digitalen Realität“ trug. In der Abhandlung wurde folgende Behauptung aufgestellt:
„Ein vorausschauend gestaltetes Narrativ, das den nationalen Interessen des Staates entspricht, kann die Auswirkungen der Aktivitäten ausländischer Kräfte im Informationsbereich erheblich verringern, da sie in der Regel versuchen, ‚Leerstellen‘ [im Informationsfluss] zu besetzen.“
Diese Strategie zeigt das Bestreben, die Aufmerksamkeit von einer bestimmten Wahrheit abzulenken. Wer diese Strategie anwendet, lügt also und erzählt nicht bloß Blödsinn.
Allerdings teilen der taktische Lügner und der Blödsinnerzähler eine gemeinsame Einstellung. Der Inhalt ist zweitrangig, das primäre Ziel ist die Überflutung des Informationssystems.
Aus diesem Blickwinkel sind selbst falsche Informationen, die nicht direkt schädlich zu sein scheinen, gefährlich, weil sie Raum einnehmen und die allgemeinen Bedingungen für die Wahrheitsfindung beeinträchtigen.
In dieser Hinsicht ist es an sich schon bezeichnend, dass in Russland fast die Hälfte aller politischen Gespräche auf Twitter von Bots geführt werden.
Forschende konnten nachweisen, dass dies auch bezüglich COVID-19 der Fall ist. Sie untersuchten mehr als 200 Millionen auf das Virus bezogene Tweets weltweit und kamen zu dem Schluss, dass seit Januar etwa 45 % der Tweets von Konten gesendet wurden, die sich eher wie computergesteuerte Roboter als wie Menschen verhalten.
Im Jahr 2018 hat Facebook 835 Millionen gefälschte Konten gelöscht – das sind fast zehn Prozent der Weltbevölkerung.
Steve Bannon hat bekanntlich einst gesagt: „Die Demokraten spielen keine Rolle. Die wahre Opposition sind die Medien. Und der Weg, mit ihnen fertig zu werden, ist, den Informationsraum mit Blödsinn zu überschwemmen.“

45 % der weltweit mehr als 200 Millionen Tweets über COVID-19 wurden von Konten gesendet, die sich wie computergesteuerte Roboter verhalten.
Die Falsifizierbarkeit von Blödsinn
Wenn man das Informationssystem überschwemmen will, ist Blödsinn ein gutes Hilfsmittel, denn er ist möglicherweise schwerer zu falsifizieren als eine Lüge.
Der bekannte Philosoph Karl Popper nannte dies Falsifizierbarkeit: die Fähigkeit, eine Behauptung durch Beweise zu widerlegen.
Zum Beispiel ist die Aussage „alle Schwäne sind weiß“ falsifizierbar. Man braucht nur einen schwarzen Schwan, um sie zu widerlegen.
Dagegen ist „dieses menschliche Verhalten ist selbstlos“ eine nicht falsifizierbare Aussage. Das liegt daran, dass wir keine Hilfsmittel besitzen, um zu entscheiden, ob eine Handlung aus Eigeninteresse zustande kommt oder nicht.
Im Kontext der Desinformation funktioniert es genauso.
Wenn Sie zum Beispiel das Narrativ, die BBC behaupte, Flug MH17 sei von einem ukrainischen Kampfjet abgeschossen worden, in den Raum stellen, kann das leicht widerlegt werden. Die Dokumentation wurde eindeutig falsch dargestellt.
Schwieriger wird es jedoch, die folgende Behauptung zu widerlegen: George Soros ist die treibende Kraft hinter einer Geheimgesellschaft, die Farbrevolutionen unterstützt. Ihre verborgene Absicht ist es, alle Nationalstaaten zu stürzen, um Platz für eine Weltregierung zu schaffen.
Sie kann nie vollständig widerlegt werden. Damit ist sie noch lange nicht wahr. Es deutet vielmehr stark darauf hin, dass wir es mit Blödsinn zu tun haben. Und wie wir wissen, ist Blödsinn nicht unschuldig.
Aber Moment mal, ist es nicht ein seltsamer Zufall, dass Soros ein Student von Karl Popper war?!?! Wirklich sehr seltsam …