Hunderte Wikipedia-Einträge verweisen auf kremlfreundliche Desinformationskanäle
Der Kreml schottet die russische Bevölkerung weiterhin von der Außenwelt ab, wenn es um zuverlässige Informationen geht. Dies bedeutet auch eine zunehmend feindliche Haltung gegenüber Wikipedia. Die russische Medienbehörde Roskomnadzor behauptete, dass Wikipedia die Quelle „einer neuen Serie beständiger Angriffe auf Russland“ geworden ist und dass die Artikel „eine ausschließlich antirussische Interpretation der Ereignisse“ darstellen. Es ist noch unklar, wie es mit Wikipedia in Russland weitergeht, doch bisher ist die Online-Enzyklopädie noch erreichbar.
Wikipedia ist eines der Wunder unserer Zeit. Es ist einfach erstaunlich, wie schnell die Seite so groß geworden ist. 2021 feierte sie ihr 20. Jubiläum und umfasste über 55 Millionen Einträge in über 300 Sprachen. Doch nicht nur die Inhalte machen die Seite riesig, sie ist auch eine der meist aufgerufenen Websites der Welt – laut Alexa auf Platz 10. Wikipedia-Einträge gehören auch regelmäßig zu den obersten Google-Suchergebnissen bei fast jedem Thema. Doch das Erstaunlichste ist, dass all das hauptsächlich durch Millionen freiwilliger Beiträge aus der ganzen Welt erreicht wurde.
Wikipedia ist zwar die größte Enzyklopädie ihrer Art, doch wir wissen viel zu wenig über ihre Anfälligkeit gegenüber Informationsmanipulation. Einige argumentierten, dass Wikipedia eine der sozialen Plattformen ist, die am besten vor Fehl- und Desinformation geschützt ist. Das ist durchaus möglich, da der Aufbau und die redaktionelle Politik von Wikipedia sich deutlich von der für Facebook, YouTube, Twitter, TikTok und anderen abhebt.
Dennoch hat der kollaborative Aufbau von Wikipedia auch Nachteile. Die fehlende Leitung von oben hinsichtlich der Bearbeitung führt manchmal zu Konflikten zwischen Benutzenden, auch bekannt als „Edit-Wars“. Edit Wars brechen meist aus, wenn zwei Benutzende es zwar gut meinen, ihr Temperament aber bei für sie wichtigen Themen mit ihnen durchgeht. Es gibt sogar eine Wikipedia-Seite mit den „langweiligsten Edit Wars“, um den sinnlosen, aber meist gutherzigen Charakter der Edit Wars hervorzuheben.
Doch nicht alle Bearbeitungen sind wohlgemeint. Ein kürzliches Beispiel des Missbrauchs der Offenheit der Plattform ist die Unterwanderung der chinesischen Version von Wikipedia. Diese wurde fast ein ganzes Jahr lang von der Wikimedia Foundation untersucht. Es gibt auch das „Revenge Editing“ (Bearbeiten aus Rache-): das Einfügen von falschen, parteiischen oder verleumderischen Inhalten in Einträge, insbesondere Biografien von noch lebenden Persönlichkeiten.
Erst sanktioniert, dann auf Wikipedia verlinkt
Um die Anfälligkeit von Wikipedia für unbedachte Fehlinformationen und absichtliche Desinformation besser verstehen zu können, haben wir letztes Jahr eine Pilotstudie mit Schwerpunkt auf vier bekannten kremlfreundlichen Desinformationskanälen durchgeführt. Diese sind SouthFront, NewsFront, InfoRos und die Strategic Culture Foundation. Alle zeigen Verbindungen zu russischen Geheimdiensten auf und wurden aufgrund von Versuchen, in die US-Wahlen 2020 einzugreifen, vom Finanzministerium der Vereinigten Staaten sanktioniert.
Bevor wir uns die Ergebnisse genauer ansehen, ein paar Anmerkungen zur Methodik. Es sollten drei Fragen beantwortet werden. Erstens, welchen möglichen Schaden richten die Verweise auf die ausgewählten Desinformationskanäle an? Zweitens, wurden die Kanäle absichtlich verlinkt oder war es Fahrlässigkeit? Drittens, wie können die Auswirkungen möglicherweise eingedämmt werden?
Zuerst wurden so viele Wikipedia-Einträge mit Verweisen auf die genannten Domänen wie möglich gesammelt und kategorisiert. Dabei wurden mehrere Quellen eingesetzt: die Suchfunktion von Wikipedia selbst, andere Suchmaschinen (Google, Bing, Seznam) und Datenbanken mit Rückverweisen (Semrush, BuzzSumo). Dann wurde der Bearbeitungsverlauf dieser Artikel erfasst und verarbeitet, um Bearbeitungen herauszufiltern, in denen Verweise hinzugefügt oder entfernt wurden. Dann wurden die Daten weiter verarbeitet, um absolute Zahlen zu berechnen (z. B. die aktuelle Anzahl an Verweisen der einzelnen Artikel oder einzigartigen Ziel-URL).
Die Ergebnisse
Nachdem der Inhalt von Zehntausenden Bearbeitungen der zuvor gesammelten Einträge analysiert wurde, scheinen die vier Desinformationskanäle, die den Mittelpunkt der Studie bildeten, seit Ende 2021 in mindestens 625 Einträgen als Referenz angegeben zu sein und in wenigstens 690 Einträgen zumindest zeitweise aufzutauchen. Die meisten Einträge verweisen dabei auf southfront.org (57 Prozent) gefolgt von news-front.info (27 Prozent).

Hinsichtlich der Themen beziehen sich die meisten Einträge auf Konflikte im Mittleren Osten mit Stichworten wie „Syrien/syrisch“, „Offensive“, „(Bürger-)Krieg“, aber auch „russisch“ oder „Intervention“.

Die meisten Einträge, die auf einen der vier kremlfreundlichen Desinformationskanäle verweisen, erscheinen auf fünf Sprachen: Russisch (136 Einträge), Arabisch (70), Spanisch (52), Portugiesisch (45) und Vietnamesisch (32). Russisch ist auch eine der wenigen Sprachen, bei denen news-front.into von den vier Quellen am häufigsten angegeben wird.

Auch die englische und die französische Ausgabe enthielten zeitweise viele Einträge, die auf die sanktionierten Websites verwiesen. Doch im Dezember 2019 wurde ein Vorschlag zur „Missbilligung von Seiten mit Falschmeldungen/Desinformation“ angenommen und soutfront.org wurde zusammen mit news-front.info gesperrt. Es folgte eine große Überarbeitung und die meisten Verweise auf die sanktionierten Websites wurden von der englischen Ausgabe von Wikipedia entfernt.
Dabei ist sowohl die Stärke der Maßnahmen Einzelner als auch der gemeinschaftsbezogene Aspekt von Wikipedia anzumerken: Die Entscheidung wurde von einem einzelnen Nutzenden vorgeschlagen und von erfahrenen Redakteurinnen und Redakteuren mit erweiterten Rechten durchgesetzt. Dabei konnten andere Nutzende jederzeit Kommentare hinterlassen. Auch für andere Sprachversionen könnte diese Vorgehensweise angewendet werden.

Mögliche Auswirkungen
Die Einträge im Datensatz werden zusammen im Schnitt 88 000 Mal am Tag aufgerufen. Achtzehn der Einträge werden täglich mehr als 1 000 Mal aufgerufen und davon enthalten fünf noch immer Verweise auf die vier Websites. Darunter ist auch der am häufigsten aufgerufene Eintrag – der über den Iran auf der englischen Ausgabe mit über 11 000 Aufrufen täglich.
Doch diese Zahlen allein sagen nicht viel aus. Der Verweis im Eintrag zum Iran ist zum Beispiel eine Pressemitteilung der Shanghai Cooperation Organisation, der von strategic-culture.org erneut veröffentlicht wurde. Beide sind an sich keine wirklich vertrauenswürdigen Quellen, doch für die angegebenen Informationen sind sie passende Verweise. Für eine Einschätzung, inwieweit die Seriosität der in den Einträgen enthaltenen Informationen gelitten hat, müsste jeder einzelne Verweis gründlich analysiert werden.
Das verdeutlicht einmal mehr das allgemeine Problem mit Desinformationsquellen, auch staatlich geförderten Kanälen wie RT und Sputnik: Sie veröffentlichen größtenteils sachliche Berichte zu Ereignissen und lassen dann an passenden Stellen parteiische oder irreführende Informationen einfließen. Die Fassade der soliden Berichterstattung wird zum Träger der Desinformation.
Das führt uns zum nächsten Punkt, der möglichen Rufschädigung, wenn schlechte Quellen erlaubt werden. Vertrauenswürdigkeit ist für Wikipedia von zentraler Bedeutung. Weil buchstäblich jeder Wikipedia bearbeiten kann, wurde die Vertrauenswürdigkeit und Neutralität der Seite gründlich untersucht und mit der Vertrauenswürdigkeit herkömmlicher Enzyklopädien verglichen.
Um Klarheit darüber zu schaffen, was vertrauenswürdige Quellen sind, enthalten die meisten Sprachausgaben von Wikipedia die englische Seite zu „vertrauenswürdigen Quellen“, die praktische Hinweise für die Bearbeitung liefert. Die Seite enthält keinen direkten Hinweis auf die Desinformationskanäle, sondern verwendet den Begriff „staatlich geförderte Seiten für Falschmeldungen“: Manche Quellen sind verboten und können nicht verwendet werden. Im Allgemeinen werden nur Quellen verboten, die missbräuchlich verwendet werden. Dazu gehören staatlich geförderte Seiten für Falschmeldungen, die bekanntermaßen von Internet-Trollen eingefügt werden.“ Diese Verbote sind jedoch nicht absolut und einige Quellen können lokal erlaubt werden, heißt es auf Wikipedia.
Auf einer weiteren Seite wird eine „nicht erschöpfende Liste von Quellen, deren Vertrauenswürdigkeit und Verwendung auf Wikipedia regelmäßig diskutiert wird,“ geführt. Sputnik und RT werden explizit als nicht vertrauenswürdige Quellen gelistet, doch es gibt keine Verweise auf beispielsweise SNA, die umbenannte deutsche Ausgabe von Sputnik. Southfront.org und news-front.info werden als „staatlich geförderte Seiten für Falschmeldungen“ gelistet, fehlen jedoch in der Hauptliste der Seite.
Falsches Spiel oder nicht?
Auf der Grundlage der von uns gesammelten Daten gibt es keine Hinweise darauf, dass diese Verweise aufgrund böswilliger Informationsmanipulation verwendet wurden. Es konnten auch keine auffälligen zeitlichen Muster der Bearbeitungen oder Zusammenhänge der Aktivität der Hauptbeitragenden erkannt werden.
Doch wie bereits gesagt, allein das Vorliegen von Desinformationskanälen stellt eine Gefahr für den Ruf von Wikipedia und die Glaubwürdigkeit des Dienstes dar. Außerdem machen harmlose Verweise auf sachliche Artikel es wahrscheinlich, dass auch Desinformation als Verweis verwendet wird, da die Anzahl der bereits bestehenden Verweise der Quelle Glaubwürdigkeit verleihen.
Minderung der Anfälligkeit von Wikipedia für Informationsmanipulation und nächste Schritte
Auf der englischen Ausgabe von Wikipedia scheint man sich einig zu sein, dass staatlich geförderte Desinformationsseiten keine legitimen Quellen sind, ungeachtet der Sachlichkeit des angegebenen Artikels. Dennoch könnten die Richtlinien klarer sein und die Liste verbotener Desinformationsquellen sollte ausgebaut werden. Es ist nicht absehbar, ob andere Sprachausgaben dem Beispiel folgen werden, doch jeder kann diese Debatte anstoßen und die englische Ausgabe als Beispiel bewährter Verfahren angeben.
Wahrscheinlich ist das Problem nicht auf diese vier Websites begrenzt. Wir haben diese vier als Beispiele bekannter, offiziell ausgewiesener Desinformationsquellen verwendet, gegen die einige Ausgaben von Wikipedia bereits vorgehen. Daher dienen sie als geeignete Fallstudie der unterschiedlichen Ansätze und zeigen deutlich den gemeinschaftsgestützten Aspekt der Wikipedia-Moderation.
Bedrohungen zu verstehen ist ein wesentlicher Teil unserer Arbeit gegen Informationsmanipulation. Daher wird sich EUvsDisinfo im Laufe des Jahres weitere weniger untersuchte Plattformen genauer ansehen und die Wissenslücke schließen.