Prigoschin und die Vertuschung russischer Fragilität und Risse in der militärischen Macht
Während Russlands Krieg gegen die Ukraine anhält, überschlugen sich während der letzten Tagen in Russland die Ereignisse mit der Meuterei durch Jewgeni Prigoschin und seine Wagner-Truppe. In dieser Ausgabe des Desinformationsberichts sehen wir uns genauer an, wie die Entwicklungen in ihrem Verlauf bezeichnet, dokumentiert und verdreht wurden. Derzeit beobachten wir, wie die russische Desinformationsmaschinerie die Chronologie der Meuterei umschreibt und umbenennt.
In der frühen Phase am Freitag und Samstag hatten staatlich kontrollierte russische Kanäle Schwierigkeiten, zu Prigoschin klar Stellung zu beziehen. Stattdessen berichteten sie nur über die Ereignisse, bevor sie zu übertriebener Loyalität gegenüber Putin übergingen. Wie hat sich also die Kampagne zur Wiederherstellung von Putins Autorität, zur Diskreditierung von Prigoschin und zur Wiedererlangung einer stärkeren Kontrolle über den öffentlichen Raum entwickelt? Was passiert, wenn ein fragiles politisches System Risse aufweist?
Zwei konkurrierende Narrative über den Krieg
Die Meuterei markierte den Höhepunkt monatelanger scharfer verbaler Angriffe von Prigoschin gegen das russische Verteidigungsministerium, insbesondere gegen Verteidigungsminister Sergei Schoigu und den Generalstabschef Waleri Gerassimow.
Am Freitag, den 23. Juni, stellte Prigoschin in einer 30-minütigen Tirade den von Putin angegebenen Grund für den Krieg infrage, also dass „Kiewer Neonazis“ und die NATO direkte Bedrohungen für Russland darstellen. Wir haben über diesen falschen Grund ausführlich berichtet. Prigoschin räumte kurz gesagt ein, dass weder die Ukraine noch die NATO eine militärische Bedrohung für Russland darstellen. Stattdessen gehe es den Moskauer Generälen nur um persönliches Prestige. Prigoschin sagte auch, dass die Verluste auf russischer Seite viel höher seien als in den offiziellen Berichten angegeben und dass er nicht bereit sei, Wagner-Helden und patriotische Soldaten für die persönlichen Ambitionen inkompetenter Generäle zu opfern, die entlassen werden sollten. Prigoschin nannte seine Operation am Samstag später „Gerechtigkeitsmarsch“.
In einer am Samstag um 10 Uhr im Fernsehen ausgestrahlten, scharf formulierten Rede bezeichnete Putin Prigoschins „Marsch“ als Meuterei und Landesverrat. Putin gab den Befehl, diesen niederzuschlagen.
Am Samstagabend verkündete der Kreml, dass der belarussische Staatschef Alexander Lukaschenko eine Einigung ausgehandelt habe, dass der Marsch auf Moskau gestoppt würde und Prigoschin mit seinen Leuten nach Belarus gehen könnte. Belarussische Staatskanäle stellten das Abkommen als großen Erfolg dar.

Am Sonntag starteten staatlich kontrollierte russische Medien schließlich eine Kampagne zur Wiederherstellung von Putins Autorität.
Wurde der Marsch auf Moskau aufgehalten?
Die sich schnell entwickelnde Situation am Samstag wurde in Tausenden privaten Videoclips festgehalten, die mithilfe von Telegram, YouTube und anderen nicht vom Kreml kontrollierten Kanälen weltweit verbreitet wurden. Das Bildmaterial zeigte ungehinderte Wagner-Truppen, die schwer gepanzerte Einheiten nach Rostow am Don verlegten, später durch die Stadt Woronesch Richtung Moskau fuhren und russische Militärflugzeuge angriffen, während sie zügig nach Norden vorrückten. Sie hielten erst etwa 200 Kilometer vor Moskau an. Es war eine überraschende Geschichte eines sogenannten Marsches, der auf sehr wenig organisierten oder effektiven Widerstand stieß.
Mission: Putins Autorität wiederherstellen!

„Das russische Volk stand zusammen und verhinderte die Meuterei “ – hmm?
Bei seinen öffentlichen Auftritten betont Putin nun vor allem die Behauptung, dass „alle Russen zusammenstehen und alle Behörden eingriffen, um die Meuterei zu stoppen“. Dieses Narrativ wurde in Putins Fernsehansprache am 26. Juni deutlich.
Das nahe der Ukraine gelegene Rostow ist eine wichtige Stadt mit über einer Million Einwohnern. Sie beherbergt wichtige Militäreinheiten und ein Logistikzentrum. In dieser Stadt befindet sich außerdem das Hauptquartier des Militärbezirks Süd, der die Operationen in der Ukraine leitet. Nur die zäheste und hartnäckigste Propaganda wird die Erinnerung an das Verhalten der Stadt auslöschen, die offenkundig kaum „geschlossenen und effektiven Widerstand“ gegen Prigoschin und Wagner-Soldaten leistete.
Putins öffentliche Auftritte reihen sich seit Montagmorgen, den 26. Juni, schnell hintereinander. Am Montagabend ereigneten sich zwei wichtige Dinge, mit denen Initiative gezeigt werden sollte: Putins im Fernsehen ausgestrahlte fünfminütige Rede und sein Treffen mit den Sicherheitsbehörden, mit denen der Weg für noch mehr Druck bereitet wurde.
Am Dienstag, den 27. Juni, übertrugen russische Sender im Fernsehen eine Zeremonie des Kremls, bei der die Piloten geehrt wurden, die bei der Meuterei getötet worden waren. Das Spektakel wies viele Merkmale einer klassischen Parade auf, eine Art Miniparade zum 9. Mai: verschiedene Militäreinheiten, pompöse Auftritte, Fanfaren, eine feierliche Schweigeminute und trauervolle Worte. Diesmal steigerte Putin die Rhetorik noch. Indem er davon sprach, „Chaos zu verhindern und einen Bürgerkrieg zu vermeiden“, versuchte er, die Informationslandschaft mit kraftvollen und emotionalen Worten zu gestalten und Patriotismus zu entfachen. Die Botschaft war: Entweder ich, Putin, oder die Apokalypse!
Weitere Einengung des Informationsraums in Russland
Wie wir bereits berichteten, unterliegt die Medienlandschaft in Russland bereits einer strengen Kontrolle. Doch am Dienstag gab es ein weiteres Ereignis, das auf noch mehr Druck hindeutet. Putin bestellte die Leiter wichtiger russischer Medienkanäle zu einem Treffen ein, das vom Kreml-Apparat als „offener und intensiver Meinungsaustausch in einem geschlossenen Rahmen“ bezeichnet wurde. Das war Kreml-„Neusprech“ für Putin und der Kreml verlangen mehr Loyalität und redaktionelle Straffung zur Unterstützung der Stabilität seines Regimes.
Belarus und die Rolle Lukaschenkos
Für die Rolle von Belarus gibt es ebenfalls neue Erklärungen. Offiziell heißt es, Putin habe die Vermittlung Lukaschenkos gebilligt. Insgesamt vermitteln das Bildmaterial und die Aufnahmen nun den Eindruck, dass alles von Putin geplant worden wäre. Wenn dies jedoch der Fall wäre, warum waren Putin und der Kreml dann nicht schon am Samstagabend oder Sonntag stolz auf diese Errungenschaft?
Weitere bemerkenswerte Behauptungen
Das Wochenende hat Russland gestärkt, nicht geschwächt!
Die führende kremlnahe Zeitung Komsomolskaja Prawda, welche behauptet, die höchste Druckauflage in Russland zu haben, ist vielleicht Meisterin darin, Ereignisse in Szene zu setzen und neue Tatsachenverdrehungen zu präsentieren. In einem langen Kommentar behauptete die Zeitung, dass die Meuterei Russland gestärkt und nicht geschwächt habe.
Der Westen muss Prigoschin zu seinen Taten inspiriert haben!
Es musste so kommen und das Narrativ spiegelt einen wesentlichen Verschwörungsreflex des Kremls wider: „Der Westen ist schuld!“
Dies behauptete Viktor Solotow, der Befehlshaber der Russischen Nationalgarde (Rosgwardija), Putins Prätorianergarde. Solotow nahm vergangenen Montag auch am Sicherheitstreffen im Kreml teil und er bekundet nun mit Sicherheit, dass die Meuterei „von westlichen Spezialeinheiten inspiriert wurde, da diese mehrere Wochen zuvor bereits davon gewusst hätten“. Solotow gab die Erklärung während der Kreml-Zeremonie für die durch Wagner-Soldaten getöteten Piloten ab, und russische Staatssender mit globaler Reichweite, z. B. RT [Russia Today], verbreiteten sie.
Möglicherweise testet Solotow lediglich, wie viel Zugkraft diese lächerliche Behauptung bringen kann. Für Desinformanten spielt es keine Rolle, dass alle Erklärungen und Maßnahmen westlicher Staatschefs und Hauptstädte übereinstimmend besagten, dass die Meuterei eine interne russische Angelegenheit war.
Wie üblich wird die vom Zentrum ausgehende Botschaft von anderen kremlfreundlichen Plattformen aufgegriffen, weiterverbreitet und verdreht, wie z. B. diese wilde Behauptung: „Die USA wussten davon und das Vereinigte Königreich organisierte den Putsch auf Grundlage der psychologischen Merkmale Prigoschins.“ Da wir wissen, wie die Kreml-Maschinerie funktioniert, können wir davon ausgehen, dass dieses Narrativ auf der ganzen Welt verbreitet werden wird. Verschwörungen ziehen immer Menschen an.

Weitere Fälle auf unserem Disinfo-Radar in dieser Woche:
Selbst wenn die Ereignisse in Russland im Mittelpunkt standen, war die Kreml-Maschinerie auch mit anderen wichtigen Themen beschäftigt:
- Russland warnte die Vereinten Nationen, dass die Ukraine den Kachowka-Staudamm sprengen würde. Nein. Dies wurde erst wenige Tage nach den Wochenend-Ereignissen in Russland veröffentlicht und ist ein typischer Kreml-Trick, um die Aufmerksamkeit auf etwas anderes zu lenken. Die Sabotage des Kachowka-Staudamms durch russische Streitkräfte ist eine große, von Menschen verursachte Umweltkatastrophe. Wissenschaftliche Erkenntnisse über die Explosion weisen auf einen Schuldigen hin: russische Streitkräfte, die zu diesem Zeitpunkt diesen Teil des Staudamms unter ihrer Kontrolle hatten. Es spielt keine Rolle, wie oft die Lüge wiederholt wird. Sie bleibt eine infame Lüge, wie wir dokumentiert und berichtet
- Ausländische Agenten bilden Kämpfer im Ausland aus, um in Belarus die Macht zu ergreifen. Diese Behauptung wurde ebenfalls kurz nach den Prigoschin-Ereignissen veröffentlicht und ist von Paranoia und Verschwörungstheorien geprägt. Beides sind Klassiker im Manipulationshandbuch, sowohl in Moskau als auch in Lukaschenkos Regime in Belarus, über die wir hier ausführlicher berichten.
- Die Lage in der Ukraine ist das Ergebnis des hybriden Krieges gegen Russland. Wenn es ein vernünftiges Element in Jewgeni Prigoschins Tiraden gab, dann war es die Offenlegung der Motive Putins und des Kremls für den Angriffskrieg gegen die Ukraine. Er hat nichts mit der NATO oder „Neonazis“ zu tun. Und der Internationale Strafgerichtshof ist kein Instrument eines hybriden Krieges. Der Krieg in der Ukraine entstammt Moskaus blanker Aggression, und die Instabilität, mit der Putins System in Russland konfrontiert ist, ist eine interne Angelegenheit und selbst verschuldet.